Montag, 18. Mai 2015

Vom Nichts zum Nichts : Ein begehbares Buch

«Vom Nichts zum Nichts» Begehbares Buch als Leporello:
Idee, Text, Fotos, Grafik, Umsetzung und technische Realisation:
Eberhard Maurer, 
Mein Freund Eberhard Maurer, den ich über die Buchbinderei und die Behindertenwerkstatt Palette kennen- und schätzen gelernt habe, hat sich einen jahrelangen Traum erfüllt. Er präsentierte gestern im Familiengarten sein begehbares Buch „Vom Nichts zum Nichts” der Familie, seinen Freunden und Nachbarn. Das war - hoffentlich - der Probelauf für viele noch kommende Präsentationen in der Öffentlichkeit.
Das Buch, ein Leporello, hat er auf dem Rechner geschrieben und gestaltet, mehrere Fotoreihen selbst fotografiert. Er druckte das gesamte Werk mit einem Pigmentdrucker auf Farbriano-Bütten aus und assemblierte sämtliche Detailbilder in präziser Kleinarbeit. Die gesamte Technik, die Stützen, die Halterungen etc. hat er speziell für dieses Buch konstruiert und selbst gebaut. Alle 58 Seiten finden in einer großformatigen Mappe zur Aufbewahrung Platz.
Auf Seite 1 sind alle nebeneinander laufenden Stories mit ihren Headlines aufgezählt. Eine Auswahl der streckenweise sehr wissenschaftlich anmutenden Themen, die aber alle populär formuliert und ausgesprochen plakativ umgesetzt wurden: ZehnHoch · Dass Innenleben der Quarks · Kölner Dom · Bibel · Gilgamesch · Koran · Das geheime Bewusstsein der Pflanzen etc.
Den Titel seines Werkes entwickelte er aus dem kalligraphierten japanischen Zeichen ‚mu’. Seine Bedeutung ist schlicht ‚das Nichts’ oder auch das ‚das Nichtsein’. Aber, wie es in der japanischen Kultur oftmals der Fall ist, kann das Schrift-/Bildzeichen auch ganz anders gelesen oder verstanden werden, denn es entsprang einem uralten Bildzeichen, das einen im Federkleid tanzenden Schamanen zeigt. Das Zeichen hat ein riesiges Potential, es „enthält alle Möglichkeiten zu jedem nur irgend gearteten Sein in sich”, so Eberhard in seinem Vorwort.
Natürlich hat er auch einen „Wanderführer” zu seinem begehbaren Buch ausgelegt, immerhin schlängeln sich da über 26 m Buchseiten im Format 90x52 durch den Garten. Wenn wieder eine Ausstellung ansteht, werde ich berichten, wo und wann. Ich jedenfalls bin begeistert von diesem Projekt.


Wie sich ein über 25 m langes Leporello in einem Garten
unterbringen lässt, zeigt der Schattenwurf auf dem Rasen. 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Auch schön …

Jörg Czischke · Nachlass · Skulpturen · verschiedene Fundstücke · Kaltleim · Pigment 

Freundschaftsdienst

Mein früh verstorbener Freund, der Künstler Jörg Czischke, hat ein umfangreiches Ouevre hinterlassen: Bilder, Zeichnungen, Skulpturen und, nicht zuletzt, Buchobjekte. Seine Freunde haben beschlossen, nun auch auf facebook aktiv zu werden, auch um verstreute, in den 70er und 80er Jahren verkaufte Arbeiten zu lokalisieren und zu dokumentieren. Deshalb werde ich zwischen meinen persönlichen Posts gelegentlich, so wie hier, ein Bild und/oder eine passende Information platzieren.
Jörg Czischke Nachlass - Buchprojekte
Von den Buchprojekten sind hier vier der großformatigen Kassetten abgebildet. Der Solitär unter ihnen ist ein Werk, das Czischke als „Paraphrasist” gestaltet hat und das im Schaufenster der legendären Kölner Buchhandlung von Walter König ausgestellt war. Czischke wählte einen der kürzeren Texte des von ihm bewunderten Arno Schmidt, Caliban über Setebos, eine Orpheus-Geschichte, tippte sie fehlerfrei auf A3 großes handgeschöpftes Büttenpapier bester Qualität ab und paraphrasierte, illustrierte, collagierte, zeichnete, aquarellierte, schablonierte - kurzum, er zeigte in der Gestaltung dieses Buchprojektes sein ganzes subtiles Können. 

Samstag, 28. März 2015

Aldinen und ein auf blau gedruckter Foliant

Neulich hatte ich die besondere Gelegenheit, mir in einer wunderschönen Privatbibliothek einige Aldinen anzuschauen und, das war mir wichtig, einige „breitrandige” Exemplare zu vermessen. Denn, wie schrieb einer der überaus gelehrten englischen Autoren, H. G. Fletcher III, 1988 in seinem Buch „New Aldine Studies” sinngemäß, dass nur sehr wenige Aldinen im Original-Octav-Format überlebt haben, weil doch die Buchbinder „woefully” die Buchblocks ohne Erbarmen beschnitten hätten. So manches der kleinen, feinen Bücherlein des Herr Aldus Manutius erlitt dieses Schicksal gleich mehrfach. Also habe ich gemessen und bin zufrieden, da ich mich für das geplante Aldus-Manutius-Projekt in Montefiascone ein wenig vorbereiten konnte. 
Darüber hinaus begeisterte mich der Sammler, der mir dankenswerter Weise seine Schätze ausbreitete, durch sein Wissen und seine Art, mich auf ein paar Feinheiten hinzuweisen. Mir fielen - neben anderem, buchbinderisch speziellem, zwei kuriose Details auf. Ich sah ein paar wenig beschnittene Aldinen, die von einem ihrer Leser/Besitzer von Hand, mit spitzer Feder und schwarzer Tinte paginiert worden waren. Das erstaunte mich schon. Dann fand Ich eine Ausgabe, ebenfalls von Hand paginiert, aber anders als es schon lange weltweiter Standard ist. Wir paginieren rechte Seiten (Schöndruck) ungerade und linke Seiten (Wiederdruck) gerade. Dieses  Exemplar war fortlaufend oben rechts auf der rechten Seite paginiert. Es war nach Seite 1 nicht die linke Seite mit  2 sondern die nächste rechte Seite nicht mit  3 sondern mit 2 paginiert. Verwirrend.

In einem anderen Exemplar fanden wir eine Paginierung auf dem Kopf stehend, Seite 67, 68, 96, 70. Ein kleiner Schelm, der inkunable Herr Sezzer aus dem Hause Manutius.

Dann tauchte eine Frage auf, die ich mir nicht beantworten konnte, als ich erstaunt in diesem Folianten blätterte
LE RIME DEL PETRARCA BREVEMENTE ESPOSTE PER LODOVICO CASTELVETRO EDIZIONE CORRETTA ILLUSTRATA, ED ACCRESCIUTA, TOMO PRIMO. IN VENEZIA, MDCCLVL (1795)
PRESSO ANTONIO ZATIA. 

Doch bevor Teufel Fliegen frisst, greift er zum Handy.
Deshalb bitte sich den Rotstich wegzudenken …

Der Foliant hat einen Buchblock, gedruckt auf ein wunderbar plan liegendes blaues Papier, einem modernen Tosa-Bütten nicht unähnlich. Vor- und Nachsatz waren aus belanglosem vergilbtem Papier gemacht. Das Blau des Blocks  ähnelt edelalten, ausgewaschenen Jeans. Ich kannte die Farbe von den Skizzenbüchern des Herrn Turner aus „Kattunpapier”, die in weiches Leder gebunden waren. Turner, so ist dokumentiert, skizzierte seine Rhein-, Mosel- und Ahr-Tal-Ansichten während des Gehens und rollte nach angemessener Trockenzeit seine Skizzenbücher ein, verschnürte sie und versenkte sie im Gepäck. So fand ich Beispiele vor Urzeiten in einer Ausstellung auf der Festung Ehrenbreitstein oberhalb von Koblenz.

Nun meine Frage: 
Wer weiss wann die ersten Bücher auf blaues Papier gedruckt wurden? 
Oder: Kann mir jemand einen Tip geben, wo ich diese Frage platzieren kann, um eine gesicherte Antwort zu bekommen?

Dienstag, 3. März 2015

Was soll das Wehgeschrei …

… das Buch braucht Stütze. Das gestrige Lamento ist bei meinen BuBi-Freunden nicht ungehört verhallt. Und so bekam ich einige überaus nützliche Tips, wie Hängebüchern sach- und fachgerecht zur alten Haltung verholfen werden kann. Ich habe mich dazu entschlossen, einen knapp bemessenen Schuber aus 1,5 mm Maschinenlaufpappe und flott abhärtendem Fischleim zu bauen. Vor dem Kaschieren mit leichtem Kraftpapier habe ich am Boden einen genau in Höhe, Breite und in den Abständen zu den Seiten bemessenen Distanzschuh aufgeleimt. So kann ich mit ein wenig Vorsicht das über 2,5 kg schwere Buch hineinbuchsieren. Es ist nun von allen Seiten gestützt und steht schön gerade im Regal. Ein Liegeplatz wäre schöner gewesen, lässt sich aber im Moment nicht realisieren.
„With a little help from my friends”
kann das Buch nun wieder Haltung annehmen.

Montag, 2. März 2015

LAMENTO: Geiz ist ungeil

Bedauerlicherweise stehen mir die dramatischen Mittel eines barocken Lamentos nicht zur Verfügung, nicht im richtigen Leben, nicht im digitalen. Also schreibe ich nun meinen Frust über ein Buch als Lamento nieder. Gestern, am Sonntag, zog ich ein großformatiges Buch aus dem Regal und musste feststellen, dass es allein vom lotrechten (!) Stehen im Regal völlig schief geworden war. „Schief gelesen” schreiben manche Antiquare, wenn sie ihre betagten Bücherlein anpreisen und nicht wollen, dass diese stante pede wieder als Reklamation in den Laden zurückkehren.
Was habe ich mich über dieses Buch, es erschien 2012 in Deutschland bei Dumont, gefreut: « Mathieu Lommen; Das Buch der schönsten Bücher, 464 S., ca. 50 € », gespickt voll mit Abbildungen herrlichster historischer Bücher, begleitet von kundigen Beschreibungen und Kommentaren. Schön sind die Doppelseiten gestaltet, die Totalen von Büchern und Illustrationen, die Minis von den Details, die Bildunterschriften dazu, alles bestens. Über die in neongrässlichen Prozessfarben vollflächig zugepatschten Zwischenblätter und dto. Vor- und Nachsatz habe ich mal gnädig hinweggeblättert. Die machten auf mich einen billigen Eindruck. Wozu dieses halbstarke, nebbiche Stilelement vollflächig mit CMY in ein Buch über schöne Bücher eingebracht werden musste, bleibt wohl Geheimnis der holländischen Büchermacher.
Gestern nun bei meiner kleinen Privat-Recherche nach Original-Einbänden aus der Zeit vom alten Manutius musste ich feststellen, dass der Buchblock sich gut sichtbar gesenkt hatte. Ich habe die Distanz von dem fipsigen Kapitelbändchen zur Rückenpappe gemessen: Es waren es immerhin 6-7 mm, die sich der Block nach vorne begeben hat. Von oben gemessen hat sich der Buchblock nun schon gut 12 cm gelöst.
Das Gewicht des Buches bleibt Schätzung, da meine Küchenwaage nur bis 2,5 kg anzeigt. Das Dilemma ist einfach zu erklären. Der fadengeheftete Buchblock ist für den gewählten Einband und die lächerliche, wohl betriebswirtschaftlich verordnete, krankhaft geizige  Kunststoffklebetechnik viel zu schwer. Mal abgesehen davon, dass die Einbandpappe lange nicht die Qualität und die Festigkeit einer Maschinenlaufpappe besitzt, sondern irgendwie hohl und aufgeblasen wirkt. Möchte wetten, dass, sollte ich meine Drohung wahrmachen, das Buch neu einzubinden, ich demonstrieren kann, wie aus Billigwellpappe und oberflächenbehandeltem Offsetpapier Bucheinbände im Format von ca. 33 x 25 cm maschinell gefummelt werden. Ich kenne das von asiatischen Fotoalben aus dem Billigsupermarkt.
Was soll ich tun? Ich versuch's mal mit einem knapp bemessenen Pappschuber, quasi als Korsett, und beobachte den Effekt.

Sonntag, 15. Februar 2015

Buchbinders Hack, vom Nutzwert geprägt



… oder auch: Schön ist anders! Aber hallo, die richtigen, die professionellen Geräte sind sehr teuer, müssen sie ja auch sein, sie sollen viele Jahre funktionieren und sind entsprechend massiv ausgestattet. Für mich als mutigen Gelegenheitsblind- und -goldpräger (äh, 'tschuldigung, goldfarbiger Schlagmetallpräger) reicht dieses Kleinod elektromechanischer Hackerkunst völlig. 
Die Heizquelle ist eine elektrische Reise-/Mini-Heizplatte (ca. 13 cm Ø), auf der die wahren Kaffee-Snobs sich mit der entsprechenden Kanne den gewohnten Expresso aufbrühen. Montiert ist das Teil(chen) auf einer sog. Siebdruckplatte (Baumarkt-Zuschitt 1,–). Die Ablagemimik für die Prägestempel und Fileten habe ich mir aus ein paar Drahtbügel (Chem. Reinigung) zurechtgebogen und in 2mm-Löchern versenkt. Vorher noch ein paar Lüsterklemmen als Halt für die Handgriffe aufgezogen, fertig ist die Laube, äh der Hack.