Dienstag, 26. August 2014

Ein paar karge Zeilen über Vorbilder

Wer als Amateur-Buchbinder behauptet, sich alles selbst beigebracht zu haben, dem glaube ich nicht wirklich. Nach ein paar Minuten Fachsimpeln oder nach wenigen bewundernden Blicken auf allfällige Arbeitsproben findet sich oft die/der „Lehrmeister/in”, denn diese hinterlassen ihre Spuren bei ihren Jüngern. Wir alle haben unsere tätigen Vorbilder. Davon habe ich vier, denen ich beim Arbeiten zuschauen und, so bin ich halt gestrickt, richtig was lernen konnte. Ex-cathedra-Verkünder lösen bei mir umgehend einen Schlafreflex aus, wecken Widerstand und Widerwillen.
Heute bekomme ich den Hinweis auf meinen (im zeitlichen Ablauf gesehen) zweiten Lehrmeister, Roger Green in Wuppertal. Dieser Buchbinder ist genau nach meinem Geschmack, denn er ist  unideologisch und lösungsorientiert. In seiner Werkstatt zu arbeiten macht Riesenspass.
https://www.youtube.com/watch?v=y--XPNywx80#t=244
Mein allererster Buchbinde-Instruktor, Karl Heinz Krons, war studierter Pädagoge und Kunsthistoriker, Gewerbelehrer (Jahrgang 1926). Er hat mir und vielen anderen das Buchbinden beigebracht. Von ihm habe ich einige Tricks gelernt, die er, aus der Not der Kriegsjahre heraus, sich selbst erarbeitet hatte. Seine Volkshochschulkurse in Köln waren legendär. Krons dumont-Kunsttaschenbuch „Gestalten mit Papier” sei allen wärmstens empfohlen, die mit Papier kreativ arbeiten wollen. Es sind immer mal wieder sehr günstig antiquarische Exemplare für kleines Geld zu haben.
Und Jeff Peachey aus NYC, von dem ich in Montefiascone lernte, wie vor der französischen Revolution Bücher gebunden wurden, die, ordentlich behandelt, heute noch voll funktionstüchtig und ästhetisch ansprechend sind. Er hat das vielfach verschüttete Wissen dieser Zeit, als von Buchbinde-Maschinen und maschinell hergestelltem Papier noch keiner zu träumen wagte, revitalisiert. Das hat mir imponiert. Ich habe viel von ihm gelernt.
Und schließlich mein Freund Eberhard Maurer, der mir Mut machte, mein Wissen und Können in der von ihm geleiteten Behindertenwerkstatt an seine verwaiste Handbuchbindergruppe weiterzugeben. Von ihm habe ich gelernt, dass man mit Geduld und Respekt den Menschen, die im Alltag und im Umgang mit Anderen ihre Schwierigkeiten und Probleme haben, das Buchbinden nahebringen kann und zwar so nahe, dass ihre Arbeitsergebnisse im Wirtschaftsleben bestehen können.

Freitag, 15. August 2014

Neues Schreibbuch : Einband war mal Weinkarton

Nach dem Sport trinken meine Freunde und ich unseren wohlverdienten Kaffee in einem italiänischen Supermarkt in Köln-Mühlheim. Dort fand ich in dem Regal, wo die leeren Embalagen zwischengelagert werden, einen typografisch höchst nobel gestalteten Weinkarton. Diesen habe ich für eine viertel Stunde in einem Eimer Wasser mit ein paar Tropfen Spülmittel eingeweicht und dann die Deckschicht der (Schwer-)Well-Kartonage vorsichtig abgelöst, plano getrocknet und unter Steinen geglättet. Alles ganz easy. Dieses Material ließ sich ähnlich gut kaschieren wie ein gutes Natronpapier. Buchblock und Vorsatz stammen aus der Eifel und heissen Römerturm. Den Buchblock habe ich aus elfenbeinfarbenen Abschnitten, die ich einem Drucker entreissen konnte, bevor sie im Altpapier ihr Leben aushauchen. Die im Foto nicht zu erkennenden Kapitale habe ich mit auf Null ausgeschärftem Lammleder und zwei Papierröllchen selbst gefummelt (!). Das Blankbuch hat ca. 160 Seiten, Format ca. 18x24 cm.
Wer die Idee mit den abgelösten Kartonagen hatte,
weiss ich nicht mehr, ich hab den Link verbummelt.
War das vielleicht Mark Cockram?
Für zweckdienliche Hinweise danke ich recht sehr.

Sonntag, 6. Juli 2014

„Haute Couture für Bücher“

Der Liebhaber schöner Bücher und Amateurbuchbinder hat es nicht immer leicht, wenn er weniger geneigten oder auch rein digital orientierten Menschen erläutern soll, wieso, weshalb, warum ein schönes Buch etwas Besonders ist. Als zukünftige Argumentationshilfe hatte ich gestern die gebundene Ausgabe des Ausstellungskataloges der Württembergischen Landesbibliothek „Haute Couture für Bücher“, 1000 Jahre Einbandkunst […] in der Post. Heute früh ausgepackt und zum Frühstückstee aufgeschlagen, durchgeblättert und erstmal nur die formidablen Abbildungen bewundert, möchte ich zu diesem Buch völlig bescheiden dies sagen: „Es machte meinen Sonntagmorgen!”
Das Hardcover-Buch (2. verbesserte Auflage) im Format 21,5 x 32 cm, 148 S., durchgehend großformatig farbig bebildert, ist ein Hochgenuss, weil jedes Detail stimmt — jedes Detail! Mich haben vor allem die hervorragenden Repros und der erstklassige Druck beeindruckt. Alles lesen konnte ich noch nicht, bin jedoch zuversichtlich, dass auch der Text mich erfreuen wird, sind mir doch verschiedene der Autorinnen/Autoren persönlich oder ihre Texte zum Thema Buch bekannt.
Meine Empfehlung: „Ladies & Gentlemen: Expand your Bookshelf”. Was recht einfach ist, kostet das Buch incl. Versand in Deutschland schlanke 20,—. Eine lohnende Investition.
Hier noch ein paar Infos zur verflossenen Ausstellung (Leitung: Dr. Vera Trost):
[ Zitat ]
„Gemäß der Art und Herkunft der Einbände werden folgende Bereiche präsentiert:
Elfenbein, Gold, Farben, Horn 
Lederschnitt und Blindprägung 
Goldprägung 
Pergament, Papier, Samt, Seide, Stroh und Metall 
Armenische, äthiopische, hebräische und islamische Einbände 
Einbände des Hölderlin-Archivs 
Moderne Buchkunst 
Sammlung Ernst Kyriss 
Sammlung Max Hettler 
Die Einbandsammlung Gotthilf Kurz ”
[Zitatende]
Ein besseres Bild hab ich nicht,
ich will das  feine Buch auch nicht auf den Scanner zwängen,
deshalb hier nur das frech beim Aussteller entliehene Poster.

Montag, 9. Juni 2014

Edel ist ein Pappband …

The Pressbengel Project: Exploring German bookbinding traditions and more...: Millimeter Binding (Edelpappband): The German-style millimeter binding (Edelpappband) is the "ennobled" version of the paper-covered case binding and should not be …

Mir, dem gelehrigen Schüler eines wahrhaft deutschen BuBi-Gurus (Jahrgang 1925) war jahrelang nicht bewusst, welch edle, global gültige Bindetechnik ich da erlernt hatte. Während meiner Jahre in der Behindertenwerkstatt habe ich mit meinen KollegInnen dort täglich ein oder mehrere Dutzend Pappbände produziert, vor Weihnachten durften es auch schon mal über 100 Stück am Tag sein. Pappband und Bradel-Band waren mir Alltag und keines besonderen Nachdenkens wert.

Doch nachdem ich im „Selbststudium” und/oder unter Anleitung guter Buchbinder aus aller Herren Länder einige andere Techniken gelernt und angewendet habe, stelle ich heute theatralisch fest: Verachte mir den (Edel-)Pappband nicht, denn er ist schnell und gut erlernbar, die Werkstücke können zeitnah fertiggestellt werden, ein solches Buch ist sehr schön und individuell zu gestalten und, wenn der Bezug von guter bis exzellenter Qualität ist, habe ich ein Werkstück mit langer Haltbarkeit angefertigt.

Und heute finde ich diese kleine Publikation zum Thema. Das freut mich sehr. Und ich hoffe, dass es Peter Verheyen gelingt, immer mehr Buchbinder zum ‚Edelpappband’, vulgo ‚Millimeterband’ zu bekehren.


»Edel sei der Band, pappreich und gut« :D

Dienstag, 20. Mai 2014

This is to inform you …

Ja, ich bin im Moment schweigsam, weil ich intensiv damit beschäftigt bin, ein Werkverzeichnis der künstlerischen Arbeiten meines verstorbenen Freundes Jörg Czischke zu erstellen. Und wie es immer in Projekten dieser speziellen Güteklasse ist: „Unverhofft kommt oft!”

Darüber hinaus bereite ich mich auf eine Reise nach Weimar (Ausstellung Cranach-Presse) und Leipzig (Ausstellung Bugra 1914) vor. Darüber hinaus kenne ich Erfurt und Gotha noch nicht. Aus persönlichen Gründen und weil die Woche kurz ist, muss ich sorgfältig planen. Und dann gibt es da etwas, das mich bis zum feuerroten Zorn aufregt. Auch diesmal, es ist immerhin der vierte Anlauf in 7 Jahren, ist es mir nicht gelungen, die Betonköpfe in der Bibliothekszugangzuteilungshauptabteilung der Anna-Amalia-Bibliothek zu bewegen, mich für ein paar Minuten in den sog. Rokoko-Saal zu lassen. Ich bin überzeugt, dass es leichter ist, beim Papst in Rom eine Privataudienz zu bekommen, als eine der kontingentierten Karten in Weimar zu ergattern. Meldest du dich, wie gewünscht, per eMail an, kriegste stehenden Fußes eine vorformulierte, vollautomatische Absage und den Hinweis darauf geschickt, am Tag des Besuches ab 9.30 h eine der „frei verfügbaren” Kontingentkarten zu erwerben. Stehste schon vor 9.00 h (wie zwei mal geschehen) mit einigen wenigen MitinteressentInnen an, sind beim Öffnen der Kasse angeblich keine Karten mehr vorhanden. In einigen Teilen von Thüringen scheint das gefürchtete Bückwarenkonzept der versunkenen Ostrepublik nach wie vor zu funktionieren. Schaunmermal. Ich werde berichten.

Mittwoch, 16. April 2014

Kästner in Farbe

Erich Kästner · Textbuch für Kindertheater


Also ja, manchmal lasse ich mich durch die Sonderwünsche meiner Freund_Innen und bestimmte Signale aus deren nonverbalem Kommunikationsrepertoire von meinem geliebten Kärglichkeitsdesign beim Buchbinden abbringen. So auch hier, denn dieses Inselbücherei-inspirierte Büchlein möchte A. ihrem (platonisch) geliebten Prof verehren. Das sollte ursprünglich kopiert, gelocht und in einen Hefter wandern und dann einem Ästheten verehrt werden? (grusel). 
Nun kommt es also kopiert, gelumbeckt und als Millimeterband glutig rot und leiden-schaft-lich pink daher. Das Marmorpapier stammt aus Indien. Der Regentstreifen, der lange in einer Restekiste schlummerte, kommt doch dazu richtig gut, oder? Machte mich schön schwindelig! ;)