Dienstag, 30. April 2013

Buchbindermesse 2013 in Köln …

… Porz! Wie bitte? Weg von Köln-Humboldt-Gremberg? Ja, heute fand ich per Zufall den ersten Hinweis der Veranstalterin darauf, dass die deutsche Buchbindermesse umziehen wird. Nach 13  Jahren, in denen diese einzigartige Veranstaltung in der „palette”, einem Betrieb der GWK, eine Heimat fand, umziehen wird. Unter Freunden wurde schon länger über mögliche Veränderungen gemurmelt, die den aktuellen Umwälzungen innerhalb der GWK geschuldet sind.
Also, für Ihren Terminkalender:
=> Buchbindermesse Köln, Sonntag, 27. Oktober 2013, in Köln-Porz, Oberstrasse 96, 51149 Köln (Porz-Westhoven). Das ist einfach zu finden und alles ist vorhanden, was der emsige Buntpapierraffer zur Erholung braucht. Wir sehen uns. Ich freue mich schon, obwohl mich der Verlust der alten „location palette” schmerzt.

Dienstag, 9. April 2013

papiers dominotés — Buntpapier


Liebe Leser_Innen: 
In der offiziellen Ankündigung der Ausstellung, die ich Ende Mai in Paris (Bibliotheque Mazarine) besuchen werde, lese ich folgendes: »À la croisée de l’imagerie populaire et des papiers de tenture, un foisonnant univers graphique a vu le jour dans les ateliers des cartiers, dominotiers et graveurs d’images entre 1700 et 1850.« Ich ‚verstehe’ den Sinn (bin net deppert), OBWOHL ich den Text durch das subgeniale Übersetzungsprogramm von google laufen ließ: »An der Kreuzung der populären Bildern und Tapeten wurde ein reich grafischen Universums in den Werkstätten von Cartier, dominotiers Bilder und Schriftsteller zwischen 1700 und 1850 erstellt.” Ach, Herrjeh! Wenn es ja nicht so traurig wäre, könnt ich mich weglachen.
Neugierig geworden ob der Tatsache, dass ein ‚modernes’ Übersetzungsvokabularium keinen deutschen Begriff für ‚dominotiers’ oder ‚papiers dominotiers’ besitzt, wollte ich mehr wissen. Meine verstorbene Frau, eine studierte Romanistin, hat mir einen mitgenommenen Sachs-Villatte von 1917 hinterlassen. Darin finde ich „dominoterie” – 1. Verfertigung bunten, türkischen (d. i. mormoriertes) Papiers. 2. Bilderbogen, Handel mit Bilderbogen.
Und dann: „dominotier” – 1. Fabrikant und Händler von Bilderbogen oder Dominospielen. 2. wilder Pflaumenbaum. Was mich darüber phantasieren lässt, wie wild wachsende Pflaumenbäume zu Dominosteinchen oder Druckvorlagen verarbeitet wurden.
Und das ganze stammt von dem schönen Wort „domino” (dominus/Herr) ab. Ich zitiere: 1. Kostüm für Kostümball, 2. Person mit Maske (daselbst), 3. Dominospiel, 4. Dominostein, 5. mormoriertes, türkisches Papier, 6. Winterchormäntelchen der Geistlichen.
Und was ist mit „cartier”? Da wirft der Google nur den Jubellier und Schanduhrenmachen für Millionäre aus. Der olle Sachs-Villatte ist da besser: „Cartier” – 1. (Spiel)Kartenmacher, 2. Kartenhändler, 3. Einwickelpapier (der Spielkarten).
Und nun noch „graveur”, dessen Bedeutung ist mir - schon aus rein beruflichen und buchliebhaberischen Gründen klar. Warum der mit „Schriftsteller” übersetzt wird, jedoch nicht. Hätte wenigstens, der Ehre wegen, ‚Schriftstecher’ da gestanden. Doch Sachs-Villatte vergisst keinen: „graveur” – 1. Stecher, Graveur. Und mit verschiedenen, präzisierenden Zusätzen kommen dann übersetzt: „Stahlstecher, Holzschneider, Petschaftsstecher, Münzstempelschneider, Stempelschneider, Kupferstecher, Radierer, Notenstecher”. Auf die Ausstellung in Paris mit den zahlreichen, bis heute nicht öffentlich zugänglichen Musterpapieren freu ich mich schon heute und erhoffe mir einiges an neuem Wissen zum „Kulturgut Buntpapier”.

Nachtrag: Ein französischer Sammler hat seine Kostbarkeiten fotografiert und auf picasa online-gestellt. 

Freitag, 5. April 2013

Buntpapier, grenzüberschreitend

Buntpapier, darunter verstehe ich kunsthandwerklich oder industriell gefertigte Papiere, die zum Kaschieren, zum Beziehen von Buchdeckeln, Schachteln oder gar Möbelinnereien genutzt wurden. Buntpapier konnte in alten Büchern als Vor- und Nachsatz in voller Pracht und Herrlichkeit überleben, weil der Buchbinder seine Arbeit präzise und fachgerecht erledigt hat. Als Vorsätze alter Bücher haben die anonymen, schön gestalteten oder aufwändigen, goldglänzenden Papierschätze überlebt. In vielen antiken Schränken wurden sie, wenn verschlissen oder zeitgeistig überholt, durch neue Papiere ersetzt. Auch in einigen Archiven können Muster besichtig werden.
Die verfügbare Literatur, wissenschaftliche Textsammlungen ausgenommen, ist begrenzt und, abgesehen vom Text, langweilt oft wegen der Schwarz-weiß-Abbildungen. Mich erfreute im vergangenen Jahr eine kleine, feine Ausstellung in Würzburg mit wenigen, aber schönen Beispielen alter Buntpapiere. Die meisten stammten von der verflossenen, ehedem berühmten Aschaffenburger Buntpapierfabrik (Dessauer); aber Katalog – Fehlanzeige.



Quelle für die Abbildungen: Éditions des Cendres, Paris

Dass jenseits der Grenzen ‚auch’ Buntpapiere hergestellt wurden, wird klar, wenn man sich die Angebote im Buchbinderbedarf oder Papierladen anschaut. Japan ist stark vertreten und Italien, ein bisschen noch aus Deutschland und England. In Italien und Japan werden teilweise zwei- bis dreihundert Jahre alte Dessins nachgedruckt und durch viele blümelige und kitschige Neu-Dessins erweitert. Manches Design ist wirklich gut und anwendbar, manches führt geradewegs zur Erblindung.
Doch so gut wie niemand legt die alten Traditionsmuster in Deutschland auf. Das ist zum Teil nachvollziehbar, weil mit hohen Kosten verbunden. Leider hat sich in deutschsprachigen Verlegerkreisen noch nicht herumgesprochen, dass es Digitaldruck gibt, durch den die immensen Kosten für Druckvorlagen etc. entfallen. Mit einem guten Scanner können allerbeste Farbreproduktionen erarbeitet werden. Deren Vervielfältigung (bis DIN A 3) liegt dann im Cent-Bereich pro Seite.
Die wenigen, rührigen Buntpapiererinnen, die wir von den Buchbinde- und Papierbörsen her kennen, geben sich viel Mühe, wenigstens einige der traditionellen Muster in mühevoller Handarbeit zu revitalisieren und anzubieten.
Als regelmäßiger, zielorientierter Facebook-User beziehe ich eine Menge schöner Anregungen und Abbildungen aus mehreren globalen Kontakten, u.a. auch mit einem französischen ‚Bibliomanen’. So kam ich jüngst zu dem Hinweis auf eine Ausstellung von antiken Buntpapieren in Paris. Sie findet noch bis zum 7. Juni d. J. in der Bibliotheque Mazarine statt. Parallel zur Ausstellung erschienen 3 (drei)  herrlich illustierte Bücher in einem Pariser Spezialverlag, je eines für  Frankreich, Italien und Deutschland (alle in limitierte Auflage, bestem Druck, fundiertem Text).
Eine der Buchautorinnen, Christiane F. Kopylov, schrieb mir, die Eröffnungsveranstaltung und die Besucherzahlen hätten die Erwartungen der Austellungsmacher und des Verlages übertroffen, trotz der Tatsache, dass dies die erste Buntpapier-Ausstellung in Frankreich sei. Das Interesse am Kulturgut Buntpapier scheint erwacht und die Zahl seiner Liebhaber_innen immer größer. Es gibt noch viel zu entdecken - jenseits der Grenzen. Und das ist gut so.

Mittwoch, 20. März 2013

Frontispiz, das

»Geneigter Leser, Du bist, so nehme ich an, erpicht darauf, zu erfahren, welche Komödiantenmaske, welcher Possenreißer hier so vorwitzig auf allgemeine Schaubühne und unter die Augen der Welt drängt, indem er sich eines anderen Mannes Namen aneignet; woher er kommt, weshalb er es tut, was er vorzubringen hat …«
Jetzt spinnt er total, haben Sie gedacht. Stimmts? Tu ich aber nicht, ich habe lediglich einen der (elenden) Skribenten zitiert, der wg. des für seine Zeit brisanten Buches, das er schrieb, im frühen 17. Jahrhundert unter Pseudonym (Democritus Junior) zu Oxford publizieren musste, weil ihn sonst die Obrigkeit malträtiert hätte. Die zitierten Worte stammen von Robert Burton, das weiss man heute, und lassen sich im Vorwort zu seinem famosen, heute vergnüglich zu lesenden „Die Anatomie der Melancholie” finden.
Und jetzt zur Überschrift, geneigter Leser. Dem Vorwort gegenüber finde ich ein zweites Frontispiz mit einem sehr schön übersetzten trivialen Gedicht, das gleich kommt. Vorher muss ich noch das rekapitulieren, was ich gestern 2 jungen, rein digital aufgewachsenen Damen erklärte, die sich im Buchgewerbe so gar nicht auskannten. Sie wiegten gedankenschwer ihre wohlfrisierten Köpfchen, da sie hinter dem Wort Frontispiz eine zweideutige Bedeutung witterten. Also hier noch mal zum nachgrübeln, meine Damen: Das Frontispiz ist meist eine Illustration, die sich auf der zweiten, dem Titelblatt (Seite 3) gegenüberliegenden Seite befindet und in älteren Büchern absolut Standard war. Das Frontispiz ist in der Regel auf die Rückseite des Schmutztitels (Seite 1) gedruckt. Heutzutage wird diese schöne Tradition nur noch selten genutzt, meist sind es querköpfige Buchgestalter, die sich da austoben dürfen. Früher waren es hauptsächlich Autorenportraits in schnieken Rahmen, die abgebildet wurden. (Quelle:  wikipedia, adaptiert und gekürzt). Und jetzt das versprochene Gedichtchen:

   Hier war ein kleines Plätzchen frei:
   Jetzt trägts des Autors Konterfei.
   Sein Geist entging dem Zeichenstift:
   Ihn triebs nicht (wies sonst üblich ist)
   Hierher – wenn Ihr es wissen müßt –
   Nur Eitelkeit und dummer Stolz:
   Der Drucker hat es so gewollt. 

Dazu sage ich nur: Das ist Weltverzweiflung mit Humor, oder?


Dienstag, 5. März 2013

Ein Buch mit was dran

Vor ein paar Jahren habe ich für meinen Lieblingsbuchhändler und -antiquar Werner Clemens dieses Buch fotografiert: „MIKADO fotografiert von Lucas Roth”, Herausgeber war Joachim Elzmann, verlegt wurde es von Andy Lim, Darling Publications, Köln.

„Mikado” erschien 2007 in limitierter Auflage von 500 Exemplaren, hatte 64 Seiten mit zahlreichen Fotos des für seine Architekturfotografie bekannten Kölner Fotografen Lucas Roth. Dieses leuchtend grüne Einbandmaterial, habe ich wg. seiner besonderen Haptik seither gesucht, doch nie gefunden. Das Buch hat einen blindgeprägten Titel. In der Blindprägung des Rückens war ein Mikado-Stäbchen aufgeklebt. Der Grund für diese aussergewöhnliche „Zugabe” ist in der Story des Buches zu finden. Es dokumentiert, wie Joachim Elzmann aus zehntausenden Mikadostäbchen unter tätiger Mithilfe einer Heißklebepistole wunderschöne fragile Gebilde baut, die auf Lucas Roths Fotos sehr beeindruckend wirken. Das Buch ist antiquarisch hier zu haben: http://tinyurl.com/adaf48b

Mittwoch, 27. Februar 2013

Stolz zu sein bedarf es wenig …

Die dekorierten Papiere meiner Buchbinde-Freundin Tanja Karipidis (Erlangen) lassen nicht nur  manches Buchbinder- bzw. Restauratorenherz höher schlagen, mittlerweile hat sie einige treue Sammler, die ihre Blätter nicht verarbeiten, sondern in Mappen aufbewahren. Das ist meine Sache nicht, weil das Aufhäufeln - auch schöner Papiere - nur die Schubladen im Papierschrank verstopft. Meine Sache ist, die mit großer Sorgfalt, viel Erfahrung und professioneller Qualität hergestellten Kleisterpapiere weiter zu verarbeiten.
Mit einigen traditionellen Kleisterpapier-Designs habe ich meine Probleme, sie sind oft in einer Formensprache gestaltet, die nicht die meine ist. Tanjas Konzept für Sprenkelpapiere, die streng der Natur und hauchzarten Vogeleierchen nachempfunden sind, hat mir von Anfang an imponiert. Die damit kaschierten Bücher, Schuber und Käschtle haben einen eigenen Charme - ohne piefig zu wirken. Weil ich meine Bucheinbände nur sehr selten öffentlich hergezeigt habe, bin ich wirklich stolz, dass Tanja zwei Exemplare auf ihrer schönen Kleisterpapier-Ausstellung in Erlangen ausstellt. (Bilder Tanja K.)

Mitte: Das Vorbild im kaschierten Kästchen. Rechts: Tanjas 
flexibler Pergament-Einband nach Roger Green. Links: Sprenkelpapier für Einband, Vorsatz und Schuber für das ‚Vogeleibuch’ mit den Referenzen für authentische Designs.

Hans Fürstenberg; Das Französische Buch 
im Achtzehnten Jahrhundert …
Originalausgabe Weimar 1929, Lieferung in losen Lagen, 
Fadenheftung, Sprenkelpapiere, Ziegen- u. Aalleder.




Donnerstag, 21. Februar 2013

Orangfarbene Register als Decke für Koperten

Als Jungpfadfinder hatte ich, wie jeder meiner Kumpels, einen lebensnahen Spitznamen, der mein wahres Selbst zum Horror meiner ordentlichen Damenschneider-Mutter realitätsnah widerspiegelte: „Sammeltasse”. Ja, ja! Mein dickster Freund, Heinz-Herbert R. wurde „Degga” gerufen; warum nur? Oder unser unwiderstehlicher Freund Rosenbaum fing sich unwiderruflich den Spitznamen „Zeisig” ein, weil er so schön falsch pfeifen konnte.
Sammeltasse also, denn ich konnte wirklich nix liegen lassen, was andere weggeworfen hatten. Ich  konnte alles gebrauchen. NZI, ich war kein Kleptomane, obwohl ich das Obst in den Gärten der grimmigen Opas in der Nachbarschaft schon mal dezimierte. Nein, ich besitze heute noch Relikte meiner kindlichen Sammelwut. Steine, Scherben, Schrauben, Nägel, Knöpfe, Treibhölzchen. Eines Tages fand ich, nachdem die anderen schon alle daran vorbeigelatscht waren, eine kleine frühgotische Steinrosette, die wohl ein Dieb auf der Flucht vor dem Küster der Kirche, in der wir unseren Schulgottesdienst zelebrierten, weggeworfen hatte. Der überaus fleischige Schulprälat, dem ich das Teil in die Hand drückte, hat mir so liebevoll väterlich meine gestutzten blonden Locken gestreichelt, dass ich meine im Hintergrund hemmungslos feixenden Kumpels, alle in Pfadfinderkluft, nur mühevoll davon abhalten konnte, mir einen neuen, unanständigen Spitznamen zu verpassen.
Sammeltasse zum Zweiten, also. Vor über 20 Jahren, als die ersten funktionstüchtigen PC bei meinem Arbeitgeber auftauchten, wanderten die bis dahin allseits genutzten Karteikästen in die Müllcontainer. Drei habe ich retten können. Die Karteikarten waren vollgestempelt, vielfach beschriftetet und mit Tippex verunstaltet, die mochte ich nicht retten. Die A6+ großen A-Z-Register-Karten im Querformat, hergestellt aus geölter, orangefarbener unkaputbarer Manilapappe, hatten es mir angetan. Sie überlebten, um von mir probehalber in eine Koperte umfunktioniert zu werden. Die Lagen innen habe ich aus einem Rest butterweichem Velin gefalzt. Sieht hübsch aus, lässt sich aber nicht so knackig heften. Ist wohl ein wenig überlagert.

Geölte Manilapappen sind selten geworden, jedoch vielfach zu verwenden.

Anyone some Zwischenpäppchen? A und Z sind schon weg.