Mittwoch, 28. September 2016

Alte Noten

Alte Noten einbinden, das mach ich nicht sehr gerne, weil meist die flodderigen Seitenbündel richtig schön abgegriffen sind. Vielfach ist auch das Papier, auf dem gedruckt wurde, nicht gerade das beste, ganz besonders nicht bei den preiswerten Ausgaben vom Anfang des 20. Jhrh. Es ist stark gebräunt und nicht wenig brüchig.
Wenn aber die Frage, ob ich „das” mal einbinden könnte, von einer so hübschen jungen Dame kommt, dann kann ich wirklich nicht widerstehen. Hier das Ergebnis für „Maikes gesammelte Notenblätter”: Fadengeheftet auf 4 Köperbänder, Bezug handgemachtes Kleisterpapier aus der Behindertenwerkstatt, Lederrücken und gut gelungene, hübsch gerundete Ledereckchen, gewonnen aus einem Stück abgelegter Lederjacke der feineren Herkunft. Das Titelschildchen wird nachgereicht, der Drucker spinnt (mal wieder).

P.S.: Diese Art des extraschmalen Lederrückens
habe ich mir bei einer (veganen) Buchbinderin
in den USA, Bexx Caswell, abgeschaut. Chic, isn't it?



Mittwoch, 6. Juli 2016

Legenden revitalisiert

Mea culpa, mea maxima culpa! Ich bin wirklich spät dran. Doch es ist nicht so, dass ich seit dem Jahreswechsel nichts gebuchbindert hätte. Ich habe sogar ziemlich viel gemacht. Das waren  allerdings Bücherlein, die es sich öffentlich nicht zu zeigen lohnt. Ich habe Mini-Notizbücherlein zum Verschenken gebunden, Schreibbücher für meine Theaterpädagogen-Nichte, ein Reisebüchlein für meinen neun Jahre alten Neffen, ich habe Buntpapier gemacht, und ein paar immer wieder aufgeschobene Schuber für meine schönen Jahresgaben der Maximilian-Gesellschaft zusammengeleimt. Genau dabei habe ich gelernt, dass 1 Schuber zwischendurch spaßig sein kann, mehr aber - ich bin Amateur - langweilig ist. Ein Hoch auf den Profi und seine Kleinauflagen.

Dann fand ich auf einem Hinterhof-Buchflohmarkt die ziemlich zerfledderte Ausgabe der „Legenden” von 1909. Mir hat die dem alten Gutenberg nachempfundene zweispaltige Typografie mit der nachgeschnittenen süddeutschen Fraktur gut gefallen. Das Buch wurde für den Diederichs Verlag von der Offizin Drugolin gedruckt. Daraus habe ich dann mein Buchobjekt gestaltet, schließlich war nichts historisch wertvolles vom Einband mehr da, das ich hätte erhalten können.
Das Papier ist stark gebräunt, aber nicht übersäuert, schön weich und nicht brüchig. Der Band war allseitig berauft. Weil der Kopfschnitt furchtbar gammelig war, habe ich dort fein beschnitten. Hellgraues Leder als schmaler Rücken, ebensolches als Kapital. Weil ich Stichlöcher von der Ur-Broschur (1.600 Auflage) und von einer weiteren Heftung vorfand, habe ich zwischen all den alten Löchern meine Bindung auf 2 drei Zentimeter breite, verstärkte Gazebänder fadengeheftet; doppelten Vor-und Nachsatz aus nachtblauem Zerkallbütten (Danke Eberhard!) angepappt, ebensolches auf die Einbandpappen (1,5mm) kaschiert. Darüber zum Schmuck ein hauchfeines altes Baumwollgewebe geklebt, den mühsam aus Stempelgummi geschnittenen Titel gedruckt und mit einem Spezialrezept von R. Green/Wuppertal „matt lackiert”. Und dann noch einen Schuber konstruiert, passend designed.





Leider finde ich immer seltener Buchruinen, 
die ich neu einbinden kann, 
auf dass sie aufrecht im Regal stehen und wieder lesbar sind. 

Sonntag, 27. Dezember 2015

Buchbinders Feiertagsprojekt: 3 Bände Malraux Musée imaginaire

Seit dem Tag, an dem ich Walter Grasskamps Buch über Andre Malraux und ‚sein’ imaginäres Museum der Weltkunst las, wollte ich diese üppig bebilderten Bände haben, haben, haben.  Also beschaffte ich mir die 3 Bände grenzüberschreitend aus unterschiedlich(st)en Antiquariaten digital und auch analog. Das Forschen nach den richtigen Bänden wuchs sich zu einer spannenden, spaßigen Sucherei aus, zumal verschiedene Nachddrucke im Handel erhältlich sind. Mich aber interessierten nur die französischen Broschuren mit den eingeklebten Abbildungen, die ersten Ausgaben. Damit  wollte ich meine eigene Einbandgestaltung umsetzen. Für die drei Trouvaillen habe ich alles in allem (Porto aus Frankreich ist staunenswert teuer!) zusammen rund 100 € ausgegeben, was im Vergleich mit den Preisen für gebundene Ausgaben unschlagbar günstig ist.
Nun, so denke ich, in der Zeit, in der die Familie hinter dem Christbaum abgetaucht, Freunde das Weite gesucht und die Nachbarn verreist sind, habe ich genügend Zeit und Muße, meinen Plan zu realisieren.
Die 3 Malraux-Bücher erhalten eine
festlich-repräsentative Einbandgestaltung
Die Buchblocks sind geheftet, stabilisiert und beschnitten. Das Beschneiden war ein wenig tricky, weil ich dem Satzspiegel gefährlich nahe kam, als ich den Nikotinschmodder auf dem Beschnitt des ersten Bandes komplett entfernen und die beiden übrigen Bände an das entstandene Maß angleichen musste. Band 1 war wohl mit einem ungeeigneten Instrument schlampig aufgeschlitzt worden. Band 2 war unbeschnitten und im Band 3 waren nur einzelne Seiten sehr sorgfältig aufgeschnitten worden.
Der Einband bekommt ein Regentleinen in einem hellen Grau, einen schmalen gelben Lederrücken, ein wenig Wasserschlangenleder als Gestaltungselement, diskrete Gold- oder Silberprägungen und noch zu bedruckende (?) Vorsatzpapiere (gelbes japanisches Maschinenbütten). Über einen angemessenen Schuber denke ich erst nach Fertigstellung der Bücher nach.
Ich halte mich diesmal ausnahmsweise an Loriots Festtagsstatement: „Früher war mehr Lametta!” Das werde ich in diesen Tagen berücksichtigen.

Samstag, 19. Dezember 2015

Buchliebhabers Weihnachtsgeschenk: Klein aber oho!

Als Mitglied der sog. Kölnischen Bibliotheksgesellschaft, einer Vereinigung von Bibliothekswissenschaftlern, bibliophilen Sammlern, Bücher-Liebhabern und neugierig-bibliophilen Nasen wie ich eine bin, bekomme ich für ein bescheidenes Scherflein eine Jahresgabe. Diese fiel 2015 ebenso delikat wie klein und fein aus.

Feine Buchbindearbeit
aus der Werkstatt der Universitätsbibliothek Köln


Es ist der Nachdruck einer seltenen Archivalie mit dem herrlich altmodischen Titel: „Getreve, nach dem Original fein in Kupfer gestochene Abbildung des prachtvollen, von den Franzosen im Jahre 1794 hinweggenommenen Altarblattes unserer St. Peters-Pfarrkirche, die Kreuzigung des Apostels Petrtus vorstellend: nebst Beschreibung / Peter Paul Rubens.” Verfasser war der Kölner Sammler Ferdinand Franz Wallraf, dessen umfangreiche Kunstsammlung(en) Grundstock für viele aktuelle Museen in Köln wurden und jährlich eine unglaubliche Zahl interessierter Besucher anlocken. Wallrafs Bücher, jedenfalls der überwiegende Teil, befinden sich heute in der Kölner Universitätsbibliothek.
Das wunderschöne Bändchen wurde von den Buchbindemeisterinnen der Universitätsbibliothek zu Köln als „Schweizer Broschur” mit 2 Lagen geheftet. Die Vorsatzblätter nehmen die Farbigkeit des Rubensbildes auf.
Das Büchlein erfreut mein Buchbinderherz.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Stempeldruck für Amateure - von und mit Roger Green

Zweimal musste ich den lange geplanten Workshop „Stempeldruck” bei dem Wuppertaler Buchbinder Roger Green verschieben. Nun im dritten Anlauf habe ich es endlich geschafft, mir auch Rogers Drucktechnik anzueignen. Für diesen in England geschulten, mit Deutschlanderfahrungen reichlich versehenen und in Frankreich publizierenden Buchbinder gilt, dass er sein Wissen mit seinen Workshopteilnehmer_innen gerne und großzügig teilt. Diese lohnen es ihm durch aktives nimmermüdes Mitarbeiten. Gerne werden auch seine Anregungen aufgegriffen und fluchs in eigene Ideen und Lösungen umgesetzt - zur Freude des Meisters.
Wie der Name des Workshops signalisiert, zum Stempeldruck bedarf es eines oder mehrerer Stempel, im Linolschnitt oder einer anverwandte Technik hergestellt, wobei Roger nicht dogmatisch ist. Es gilt das gelungene Blatt. Linoldruckfarben bester Qualität und verschiedene Materialien zum Stempelschneiden lagen bereit. Die schönen antiquierten Maler-Musterrollen (Patronierwalzen) waren nicht so der Hit, die Teilnehmer_innen schnitzten liebevoll eigene Muster.
Einige Beispiele für Stempeldruck und Akryl-Farbexperimente
auf schwarzem Fotokarton.

Später am Nachmittag konnten wir mit Akrylfarben experimentieren und, der kunsthistorisch Gebildete würde sagen, wir haben „Farbe-Technik-Experimente, Zufallstechniken” gemacht. Was wir im Kleinen fabrizierten, kann man im Max-Ernst-Museum in Brühl auch auf großen Formaten in Perfektion bewundern: Muster sind entstanden, von skuril bis gruselig, halt klein und handlich.
Roger erläuterte auch ein paar Techniken, schönen Blätter zu konservieren, sei es mit Fixativen oder auch mit - ja - Bohnerwachs. Solche Blätter habe ich schon mit Erfolg als Bezug und als Vorsatz verarbeitet. Mit BB oder NN verklebt, werden diese Arbeiten mich um Jahrzehnte überleben.
Für 2015 hat der Lernspaß ein Ende; schaunmermal was das nächste Jahr bereit hält.

Samstag, 28. November 2015

Ist das Kunst oder gehört das gebunden?

Paul Renner — Künstlerbuch
»Abfall De-Luxe«
Katalog 8 Antiquariat Clemens
Paul Renner — Künstlerbuch
»32 meist sonderbare Pilze«
Katalog 8 Antiquariat Clemens

Der österreichische Künstler Paul Renner (geb. 1957) ist ein überaus aktiver Mensch, mit zahlreichen Werken in Museen und Sammlungen. Er ist im transatlantischen Kunsthandel vertreten mit Zeichnungen, Kollagen, Objekten, Vorträgen, Veranstaltungen, Arbeiten auf Leinwand, Papier, Pappe, Linoleum, Teppich, Ton, Brettern, Bauplatten usw. usw. und, natürlich, mit „Kunst(objekten) in Buchform”.
Das Buch-und-Kunst-Antiquariat Werner Clemens, in erster Linie auf die Literatur der Moderne der 60er, 70er und 80er Jahre, die Wiener Aktionisten und Konkrete sowie Experimentelle Poesie spezialisiert, bietet in seinem Katalog No. 8 rund 60 Werke von Paul Renner an. Darunter fand ich, neben einigen starken Bildern und Zeichnungen einige wenige aufmerksamkeitsstarke „Kunstobjekte in Buchform”. Darüber hinaus hat Renner gerne  individuell gestaltete, großzügig ausgeführte, mehrfarbige Einschläge entworfen. Damit hat er industriell gefertigte Bücher und Kataloge „aufgepimpt” und zu hübschen Sammelobjekten gemacht.
Warum ich mich in Bezug auf seine „Buchobjakte” so gewunden ausdrücke? Das liegt schlicht daran, dass ich mich, auch als Amateurbuchbinder, gerne an die global geltenden Definitionen für Bücher halte. Trotz und alledem, begeisterten mich Renners „Buchobjekte” nicht wenig, nachdem ich vor den buchbinderisch notwendigen Standards fest die Augen verschlossen halte.
Der Mann nutzt, nicht nur bei seinen dreidimensionalen, umblätterbaren Objekten erbarmungslos alles, was ihm unter seine Künstleraugen kommt: Farben, Textilien, Klebstoffe, Klebebänder, Andrucke von Werbekatalogen, Ephemera, nichts ist ihm zu bescheiden oder zu extrem. Er unterwirft schier alles seinen künstlerischen Zielen.

Beispiel 1:
»Abfall De-Luxe«
Das ist ein Künstlerbuch von 1985 mit handschriftlichen Texten, Zeichnungen, Gouachen und Collagen auf einem Katalogprospekt. Der Folio-Einband wurde ebenfalls vom Künstler gestaltet. Auf dem Vorsatzblatt machte er handschriftliche Erklärungen, signierte und datierte; ein Unikat. Renner hat Hartkartoneinband  mit Textilklebeband eingefasst, mit montierten, farbig übermalten Siebdrucken, 28 nicht nummerierte Seiten mit farbigen Abbildungen.

Beispiel 2:
»32 meist sonderbare Pilze u.a. Gewächse wie Funghi molto volgari«
Das Antiquariat Clemens bietet dieses Buchobjekt, Nr. 13 von 32 nummerierten und signierten Exemplaren mit einer lose beiliegenden farbigen Original-Zeichnung an. Renner hat einen handgefertigten Kalbsledereinband mit Acryl, Tusche und Bronzefarbe bemalt. Das Buch enthält 32 Farb-Faksimiles, auf schwerem Aquarellpapier montiert und ebensoviele Pilzbeschreibungen.

Bei Interesse bitte eine Email an Antiquariat Werner Clemens.

Donnerstag, 26. November 2015

Ein Recycling-Buch oder: Alles Reste oder was

Während meiner Zeit in der Behindertenwerkstatt, einem veritablen Grafischen Betrieb, kam ich - Zufall oder auch nicht - mehrmals am Tag an der Sammelkiste des Papierschneiders vorbei. Dabei fand ich gelegentlich Papier- und Pappabschnitte, die ich vor dem gierigen Schlund des Altpapierhändlers „retten” konnte. Weil das abgegebenen „gute” Abfallpapier nach Gewicht abgerechnet wurde, entstand der Werkstatt ein Schaden im Rahmen von wenigen Cent. Doch für den Amateur-Buchbinder waren die kleinen Beutestücke unbezahlbar. Daraus und den schönen Resten aus der Sammelkiste für Leinen und Leder, die sich im Laufe eines 30jährigen Amateur-BuBi-Lebens ansammelten, wurde dieses „Müllbuch” gebaut.
Den Block habe ich aus 70g/qm Fein-Schreib-Chamois geheftet, Vor- und Nachsatz stammt von dem leider nicht mehr aktiven Buntpapierer Salmen aus Bonn. Den Einband baute ich aus 1,5 mm Maschinenlaufpappe, bezogen mit der Deckschicht eines lebensmittelechten Versandkartons. Durch trickreiches Beschneiden wurde daraus dann ein personalisiertes Schreibbuch, mit dem ich mich für einige gute Tips und Tricks in Bezug auf ein paar meiner geheimen Privatprojekte bedanken konnte, ganz davon abgesehen, dass dadurch auch ein ordentlicher Umsatz generiert wurde.

Ein „eisiges” Recycling- und Resteverwertungsbuch

P.S.: Die nach einem 10 min. Wasserbad abgelöste Deckschicht eines Versandkartons
von guter Qualität  lässt sich ganz hervorragend kaschieren.