Montag, 29. Juni 2015

Unbekannte Technik schwere Lagen zu heften?

Mein hochgeschätzter, allererster Buchbindeguru, Heinz Krons, reagierte muffig, wenn einer seiner Schützlinge beim Heften das 15mm-Köper-Heftband getroffen hatte. Dann hieß es, bis zu der bösen, bösen Stelle alles wieder aufzubördeln und alle gelösten Lagen ordentlich neu zu heften. Denn, das war für ihn (und alle deutschen Buchbinder, die ich kenne) eine Art „Heftungsqualitätskontrolle”, wenn sich das Heftband vor dem Ableimen bequem in den Heftstichen auf-und-ab bewegen ließ. Wenn nicht, s.o.
Heute, bei einem Facebook-Besuch eines heimeligen Buchbinde-Ateliers in Frankreich fand ich diese Fotos.


Hier wird klar erkennbar dokumentiert, dass der Buchbinder für seinen Cartoon-Sammelband die extrabreiten Heftbänder sogar planmäßig 2 x fix eingenäht hat. Heinz Krons wäre spätestens jetzt ohnmächtig geworden.
Ich sehe das zum ersten Mal und frage schüchtern in die Runde, ob das einer meiner Leser_innen schon mal gesehen, goutiert, selbst angewendet hat? Ist das vielleicht eine Technik, schwere Lagen präzise zu heften? Ich bin mal gespannt.



Kommentare:

Papierfrau hat gesagt…

Ein durch die Heftbänder geheftetes Buch ist mir beim Restaurieren schon öfter mal in in die Hände geraten. Das war aber anders geheftet, nämlich mit nur einem Stich durchs Band und nicht mit allen beiden. Ich glaube bei besonders schweren Büchern ist diese Heftung angebracht (gewesen).
Gruß Papierfrau

pzillig | vuscor hat gesagt…

Ja, liebe Christine, das denke ich auch. Bei gewichtigen Schwarten scheint das angebracht zu sein. Eine besonders perfide Heftetechnik begegnete mir, als ich mir eine großformatige, deckellose Buchruine (bebilderte Literaturgeschichte ca. 1890) beim Trödler kaufte und herrichtete. Das war High-Tech des 19. Jhrh., denn Jede Lage war für sich mehrfach durch eine Lage Gaze getackert und dann noch einmal an Kopf und Schwanz mehrfach durch eine knochenleimgepanzerte mehrfädige Gase. Diese relativ kleinen verzinkten Klammern, die alle schön im Rücken eingerostet waren, zu entfernen war böse Fron. Nun besitze ich einen schönen Folianten, der mich immer daran erinnert, wie mühevoll das Erhalten von alten Büchern sein kann.

foehnlinse hat gesagt…

Dass sich das Heftband verschieben lassen soll, hat ja den Grund, beim Niederhalten das Band straff ziehen zu können, was bei mehrfach angestochenem Band zu einem Heftbandfaltenwurf auf dem Buchrücken führt. Anscheinend ist das Niederhalten dort nicht üblich oder in Vergessenheit geraten. Daraus und zusätzlich aus der Verwendung sehr dicken Heftzwirns resultiert die unglaubliche Rückensteigung, in meinen Augen nicht das, was man unter "eleganter" Buchbinderei versteht, mal abgesehen von den Vorderkanten.

pzillig | vuscor hat gesagt…

Danke für den kenntnisreichen Kommentar, welcher mir aus der Buchbinder(-Autodidakten)-Seele sprach. Darüber hinaus fand ich bei foehnlinse Bilder, welche mir aus der Amateur-Fotografen-Seele sprachen. Seelen darf man ja straf- und therapiefrei mehrere haben, oder etwa nicht?

Hilke aka buechertiger hat gesagt…

Ich bin ein bisschen spät... Ich habe das definitiv schon gesehen, allerdings eher mit einem Herringstitch in der Tradition vom binding auf doppelte Bünde oder geschlitzte Bänder, wenn ich mich recht erinnere. Ich glaube, ich habe das auch schriftlich in irgendeinem (oder sogar welchen) meiner Bücher in unserer "Bibliothek". Mhm, soll ich mich mal auf die Suche begeben? Oder bist du nicht mehr interessiert?

pzillig | vuscor hat gesagt…

Liebe Hilke, danke für das freundliche Angebot. Bitte keine Mühe machen. Ich habe das Thema gepostet, weil es halt zu dem mir geläufigen Heftschema in Opposition stand. Nein, danke, du musst nicht suchen, ich gedenke nicht, Zeitschriften einzubinden. :D

foehnlinse hat gesagt…

Es gibt eine kleine Broschüre über mittelalterliche Einbände, schön bebildert, englischsprachig, ich empfehle diesen Link (PDF 10 MB): https://travelingscriptorium.files.wordpress.com/2013/07/bookbinding-booklet.pdf
Hier auf S. 18 sind die klassischen Heftungen des Mittelalters dargestellt, auch Fischgrätenheftung auf geschlitzte Bänder oder doppelte Bünde, da ist das Problem gelöst, die Heftbänder lassen sich bewegen. Ich würde auch bei schweren Lagen niemals durch die Bänder heften. Man findet in einem Buchbinder- oder Restauratorenleben ab und zu konstruktive Fehler der Vorgänger, und man sieht dann auch meistens, warum das keine so gute Idee war.
Danke für die freundlichen Worte über meine Fotos, das hat mich sehr gefreut.

Klaus von Mirbach hat gesagt…

Lieber Peter, ich bin seit langem wieder mal hier, doch, doch ich kenne das auch. Mein Onkel, der in Hamborn, Duisburg Hamborn für den ganzen Stadtteil alles gedruckt und in Büchern gebunden hat, aber seit 25 Jahren gibt es diese Buchdruckerei, Buchbinderei schon nicht mehr, wo war ich?, also der hat damals Zeitschriften, nur Zeitschriften, keine anderen Sachen, so geheftet. Vor ein paar Jahren habe ich so einen Band noch mal bei ihm zu Hause gesehen. Hält für immer und ewig, sieht aber nicht schön aus. Beste Wünsche.