Samstag, 14. Februar 2009

Buchtip: Alexander Braun - Jahrhundert der Comics


Bei diesem Buch musste ich einfach schwach werden: «Alexander Braun, Jahrhundert der Comics - Die Zeitungs-Strip-Jahre» (243 S, 25 x 31,5 cm), farbig gestalteter Hardcover-Einband mit wunderschönen Vor- u. Nachsätzen, sauber typografiert und klasse layoutet, bestens gedruckt und, ja, sehr gut eingebunden. Alles in allem ein Ausstellungskatalog, der in vielen Handbibliotheken seinen Dauerplatz bekommen wird. 
In kleinen Bildern und auf ganzen Seiten oder in den berühmten ‚Strips’ der Wochenendbeilagen, die Comics hatten es bei uns  nie besonders leicht, als eigenständige Kunstform anerkannt zu werden. Und was haben sich (ich bin Jahrgang 46 und weiss wovon ich schreibe) meine Altvorderen in Familie, Schule und Pfarrgemeine aufgeregt, wenn es um Comics ging. Wie haben Lehrer, Bibliothekarinnen und ähnliche voll beamtete Kulturträger meiner Kindheit hasserfüllt gegen die „Groschenhefte” vulgo Comics gewettert. 
Tatsache ist, dass meine Eltern kein Geld für ‚Drucksachen’ hatten, also wurden Bücher in öffentlichen Bibliotheken ausgeliehen. Natürlich gab es dort keine Comics, da konnte der allgegenwärtige Bedenkenträger sicher sein. Dafür aber gab es in der Pfarrbücherei Bücherserien, die nach dem Motto ‚search & find” ediert worden waren: „Suche Hitlerjugend & Bund Deutscher Mädchen und ersetze durch Pfadfinder, Wandervögel, Messdiener etc.” Diese und ähnlich piefig-miefige Buchreihen, erstanden aus Nazi-Stehsatz, haben mir schon als Pennäler manchen Büchereibesuch verleidet. 
Doch es gab auch Lichtblicke, denn im Kölner Amerikahaus (mittlerweile geschlossen) lagen all die streng verbotenen Druckwerke herum, frei verfügbar, herrlich. 
Die inzwischen tröpfelnd auf den Markt gekommenen deutschen Comics konnten dem Material im Amerikahaus nicht wirklich das Wasser reichen. Nick Knatterton, Sigurd, Tarzan, ne, ne, die fand ich überhaupt nicht lustig und sie waren viel zu akademisch gezeichnet. Reinhold das Nashorn vielleicht, und Lurchi Salamander, die machten Spass. Über den Mecki hinten auf der Hör-Zu konnte ich überhaupt nicht lachen. Donald-Duck und Mickey Maus kosteten viel Geld, sie wurden deshalb als abgewrackte, eselsohrige Ruinen heimlich weiterverliehen - es durfte ja von den Alten niemand wissen. 
Lange Rede kurzer Sinn, greifen Sie zu, das Buch kostet kein Vermögen (34,50 € incl. Versand) und ist im Museum Huelsmann/Bielefeld zu haben. Die Ausstellung läuft dort bis Anfang April, dann wandert sie bis Juni 2009 nach Dortmund in den RWE Tower und ist von Januar bis März 2010 in der Galerie der Stadt Remscheid zu besuchen. Vielleicht treffen wir uns da? Bis dahin tröstet mich das neue dicke Buch, für das ich mein Gelübte gebrochen habe, nur noch Bücher über Bücher zu kaufen. Ich habe den Entschluss, ein Buch über Comics zu kaufen, nicht bereut.
Bildquelle: Klaus Schwerwinsky

Mittwoch, 28. Januar 2009

Tacket

„tacket”  in alter amerikanischer Gebärdensprache. Quelle: Webster online

Das, was ich in diesem Post etwas schnodderig als „Schlöppchen” bezeichnet habe, scheint wohl im Deutschen keine tragende Rolle zu spielen, auch nicht in der heimischen Buchbindersprache. Jedenfalls finde ich bis jetzt keine Entsprechung oder zielführende Übersetzung. Eigentlich nicht sehr verwunderlich, denn welcher ‚ordentliche Buchbinder’ macht bei uns in aller Öffentlichkeit „Limp Bindings” oder auch „Longstich-Heftungen”? 
Im angelsächsischen Sprachbereich bezeichnet man die Halterungen im inneren einer Lage als  „Tacket”. Der Begriff lässt sich - neben anderen Deutungen - auf den „tack”, also einen kleinen Nagel/Stift zurückführen, der in deutscher Fachsprache als „Zwecke” bezeichnet wird. Unsereiner nennt die Dinger ”Heftzwecke” und zweckte damit in stürmischeren Zeiten Poster auf Türen und Wände. 
Im Oxford Dictionary finde ich dann noch einen interessanten Hinweis darauf, dass tack(et)s „long stitches as temporary fastening in needlework, sails …”  etc. seien. Der Buchbinde-Kollege, Dennis Yuen, in NYC, zeigt ein sehr schönes Beispiel für eine weiterentwickelte asiatische Bindung mit sichtbarer, verzierter Langstich-Heftung. 
Hinweis an mich: Sehr zum Nachbau zu empfehlen, denn was soll ich sonst mit den gestern beim Gang zum Postschalter (mit Erlaubnis der Eigentümer) erbeuteten herrlich weichen Lederstücke anfangen, die ich in der Nachbarschaft vor dem Sperrmüll gerettet habe – chirurgenmäßig mit scharfer Klinge von der Polsterung heruntergefieselt.

Dienstag, 27. Januar 2009

Book Swap - Nag Hammadi Interpretation





Seit einigen Monaten ‚spiele’ ich in einem Internet-Portal mit, in dem sich buchbinderisch gesinnte Damen und Herren online  - wie sagt man so schön - tummeln. Das ist eine feine Sache, dort kann man eine Menge lernen, neben vielem anderem auch eine andere Sicht auf die eigene Arbeit gewinnen. Eine ‚feine Sache’ ist beispielsweile der ‚book swap’. Wer will, schafft nach einem vorgegebenen Thema ein Buch(-objekt), ad lib, jede(r) nach seiner/ihrer Fasson. 
Nach der Lektüre dieses berühmten Szirmai-Buches machte ich im Forum den Vorschlag, als nächstes Thema im Swap eine aktuelle Interpretation der von Szirmai beschriebenen Nag Hammadi Codices anzufertigen. Das Thema wurde ankzeptiert, Einsendeschluss ist am Wochenende. Die ersten schöne Arbeiten werden bereits präsentiert :: Link :: 
Nun bin ich mal gespannt, wie meine Total-Reduktion auf das Aller-Allernotwendigste bei den Teilnehmer/innen ankommt, denn die meisten von ihnen gestalten ihre Bücher mit viel Lust am edlen Material und ebensolcher Liebe zum üppigen Dekor. 
Colophon: Buchbinderpappe (50 % Recycling), japanisches Knitterpapier, handgeschöpft und handgefärbt, Gmundener Bütten, Gelenke und, hm, „tackets” (das sind die Befestigungsschlöppchen im Innern) mit Tyvek verstärkt, Buchbinderzwirn (3F), Magnet, Wachsfinish. 

Montag, 19. Januar 2009

Mann lernt nie aus: Franzband




Ach, was musste Mann lernen, denken, stöhnen, falzen, raufen, heften, leimen, schneiden, schärfen, pressen, prägen, staunen, um dieses Buch zu binden, das den Ehrentitel „Franzband” wohl zurecht verdient. Im vollen Bewusstsein, dass das Binden eines Buches nach „alter Art” die Königsdisziplin für einen Hobby-Buchbinder darstellt, bin ich nach Wuppertal zu Roger Green gefahren. Als langjähriger Bradel-Binder war ich nicht ganz unbeleckt, als fleissiger Leser einschlägiger Bücher nicht ganz unvorgebildet  … und spätestens nach den Begrüßungsworten in Greens Werkstatt allerdings froh, keinem Handwerkskammer-Tribunal mein Wissen/Können vorführen zu müssen. Also band ich am vergangenen Wochenende meinen ersten ‚Franzband nach Roger Green”. Wer ihn kennt, weiss, dass er noch lange nicht alles nachbetet, was die Traditionalisten seit Jahrzehnten glauben vorschreiben zu müssen: Überflüssiges wird weggelassen, lästiges vereinfacht, bewährtes sorgfältig analysiert und überprüft, keine Frage bleibt unbeantwortet. Lange Stunden des Lernens und des Arbeitens werden durch bestens zu verwertende Tipps aufgelockert. Es war ein ebenso anstrengendes wie vergnügliches Wochenende, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Gruppe klein war und aus lauter lieben Menschen bestand. 
Technische Info: Block aus naturweissem, handgeschöpftem, berauftem ‚Himalaya-Papier’ ca. 180 gr/qm, auf 2 Bänder geheftet, Vorsätze aus Original Roger-Green-Kleisterpapier, gewachst und poliert, handgefertigte 2-F-Kapitalbänder, oberer Beschnitt gesprenkelt, Einband aus Ziegenspaltleder, hochrot, ganz dezent mit einem Punkt in ‚green’ und einer Linie blind geprägt. 
Mehr Detail-Infos und bessere Bilder finden Sie hier :: Link ::

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Der Klotz oder Das Missale des Grauens




Mein Sohn Stefan, der sich als Freier Grafiker (zusammen mit einem Partner) die größte Mühe gibt, seinen Kunden zielgruppen-orientierte und ästhetisch ansprechende Gestaltungslösungen zu liefern, hat für ein paar Monate diese täglich wechselnden Eye-Catcher der Kölner Boulevardpresse ‚gesammelt’. Aus den Loseblattbergen wünschte er sich ‚ein Buch’. 
Nun denn, hier ist es als Weihnachtsgeschenk, und der geneigte Leser möge mir den lauen Vergleich mit einem mittelalterlichen Missale verzeihen. Rein äußerlich gesehen fehlen nur noch die Verschlüsse und vielleicht die Kette zum Anschließen des kostbaren Werks an das Vorbeterpult. Inhaltlich ist es eine Dokumentation des alltäglichen Grauens einer deutschen Großstadt: Mord und Totschlag, Verbrechen jeglicher Art, Klüngel und Intrigen, Bestechung, Behördenwahn, Verkehrschaos - Köln ist aus Sicht der Eye-Catcher wirklich kein besonders hübsches Pflaster.
Der Klotz wiegt ca. 4 kg und ist ca. 30 x 50 x 5 cm groß. Die Poster, auf 90 g Billigpapier gedruckt und 2 mal gefalzt,  habe ich nicht gezählt. Der Einband ist eine riskante Mischung aus Album und asiatischer 6-Loch-Bindung. Dafür musste ich ein schönes Stück meines wertvollen schwarzen irischen Leinengarns opfern. Für den Einband habe ich 3er BuBi-Pappe mit einem Papier bezogen, das dem alten Malerkrepp ähnelt, keine definierte Laufrichtung aufweist und mit schwarzer teer- und harzhaltiger Farbe besprüht worden war. Das zähe, etwas streng riechende Zeug wurde früher in Autotüren und unter Hutablagen verklebt. 

Sonntag, 7. Dezember 2008

Le vasistdas? Preisfrage zum Advent



Ja, was ist das? Wie heissen diese beiden „Dingsbums” auf dem Foto eigentlich? Oder: Wozu mögen sie einmal gedient haben? Sie sind offentlichlich ziemlich alt. Ich sehe jeweils einen kräftigen, aus massivem Hartholz gedrechselten Handgriff, ein rundes, massiv metallenes Kopfteil mit unterschiedlichen Löchern und der eingeschlagenen Bezeichnung Peugot Freres. Die Metallteile wurden mehr oder weniger poliert, die Rostspuren sind immer noch zu sehen. 
Peugot? Ja, die fertigen unter anderem  (oder haben einmal gefertigt) Fahrräder und Pfeffermühlen. Aber Handwerkszeug für Buchbinder? Autsch, nun habe ich doch schon fast alles verraten. Also: Wasistdas?

Freitag, 5. Dezember 2008

Alte Lexika online - für Genießer und Findefüchse

GSD bin ich nicht der einzige Mensch in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, der sich stundenweise in einem der alten Nachschlagewerke verliert, die über unsere Haushälfte verteilt sind. Natürlich ist eine online-Recherche eine feine, schnelle Sache, wenngleich die Ergebnisse gelegentlich unvollständig, manchmal ungesichert, hin-und-wieder tendenziös und auch viel zu Neuzeit-orientiert sind. 
Will ich beispielsweise etwas aus meinem Hobby-Gebiet, dem Buchbinden, wissen, das nicht mehr zum aktuellen Fachwissen, sondern zum histrorischen Basiswissen eines traditionellen Handwerks gehört, dann bleiben nur die alten Nachschlagewerke, wahre Gebirge des Wissens und der Erfahrung.  
Verborgen unter einer hübschen Larve - meist sind es schmucke Halbfranzbände mit Lederrücken, Lederecken und Goldprägung und Farbschnitt - hat vielfaches Unheil einen unaufhaltsamen Lauf genommen. Dass das versammelte Wissen gelegentlich veraltet ist, who cares, da bin ich cool und frische online auf. Das wirkliche Elend heute entstand durch die damals hochmoderne Technik, wodurch die alten Schatzbücher (nicht nur die Lexika) zu ihrem langsamen Siechtum verdammt sind. 
In ihrer überwiegenden Mehrzahl wurden die heute meist im Gelenk ausgeleierten bzw. ausgerissenen Bücher zwischen den 1850er und den frühen Jahren des 20. Jhrh. geklammert, 4 - 5 mal pro Lage durch den Rücken. Meist wurden sie auch noch 2 x durch die Lagen mit der stabilisierenden Heftgaze verbunden. Die darauf gepappten Hülsen wurden aus dünnem Allerweltspapier gefertigt und auch ‚innen’ mit angetackert. Das für Rücken und Ecken verarbeitete Leder hat sich im Laufe der Jahre in Mumienpulver verwandelt, wer geht schon mit spezieller Lederpflege einmal jährlich über die ledernen Rücken seiner geliebten Bücher?
Die Reparatur dieser Bücher ist ein Stunt, allein das Ziehen der meist in Lagen und Rückenkonstruktion fest eingerosteten Klammern bedeutet pro Band einen Zeitaufwand von mindestens 1 Stunde. Das Säubern der Rücken und Vereinzeln der Lagen ist mühsam, das Entfernen von Klammerresten kostet Nerven, der hammerharte, knochenleim-ähnliche Klebstoff stinkt jämmerlich und sträubt sich sehr gegen das Entfernen. Das nicht holzschlifffreie Papier bricht, speziell zwischen den Klammer-Löchern im Bruch. 
Eine BuBi-Kollegin im VHS-Kurs hat sich einen ererbten 18 bändigen Brockhaus komplett neu eingebunden. Dafür hat sie - bienenfleißig - insgesamt drei Semester gearbeitet, alles in allem mehr als 250 Stunden plus viele nicht benannte Stunden zu Hause. 
Wenn Ihnen dies alles zu aufwändig ist, klicken Sie doch einfach oben auf den Link. Da stehen sie, die einstigen Prachtwerke gehobenen bürgerlichen Wissens – online. Sie müssen jetzt nur noch korrigiert werden. Und dafür können Sie sich freiwillig melden, wenn Sie möchten. Lohn gibt es keinen, Sie müssen es schon ‚for love’ tun.