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Mittwoch, 9. November 2011

Expand your bookshelf, please.

«Lehrgang für Papparbeiten - Cours de Cartonnage» Arbeiten für Schüler und Lehrerkurse. Arbeitsbuch für die Freizeitbeschäftigung. Zweisprachig deutsch-französisch, 191 S., zahlreiche S/W-Abbildungen.
Papparbeiten sind nach der reinen Lehre der alten Meister die „Nebenarbeiten des Buchbinders”. Nun, wer sich in dieses Buch, herausgegeben 1966 vom Schweizerischen Verein für Handarbeit und Schulreform (sic!), vertieft und sich zwischen den ungezählten hervorragenden Werkzeichnungen nicht verliert, ist bald vom Gegenteil überzeugt.
Natürlich meine ich den Buchbinde-Amateur, nicht den Profi, denn, so glaube ich, der würde sich freuen, wenn er gelegentlich den Auftrag erhielte, eine Schachtel, eine Box oder gar eine Dokumentenrolle zu fertigen. Leider findet sich so schnell niemand, der kunsthandwerkliche Objekte der gediegenen Art in Auftrag gibt und dem die fällige Rechnung nicht die Tränen in die Augen treibt.
Den Hinweis zum Buch, das in Wirklichkeit eine fadengeheftete, knochengeleimte Broschur ist, verdanke ich der Schweizerin Käti Kreienbühl, besser bekannt als kecke kreatives handwerk, deren Exemplar leider ziemlich ramponiert war. Man sah ihm das halbe Jahrhundert im Gebrauch durchaus an. Mein eigenes, das ich zwischenzeitlich auf ZVAB fand, ist ähnlich mürbe im Rücken, besteht doch die Maschinenheftung aus einem hauchdünnen Fädlein.
Käti schicke ich morgen ihr kostbares Büchlein, neu und stabil eingebunden, und Ihnen empfehle ich, sich um ein eigenes zu bemühen. Denn wer gerne mit Pappe arbeitet, wird sich über die Fülle an sofort verwertbaren, zielorientierten Informationen freuen.

Kätis Buch zerlegt …

… und neu eingebunden.

Sonntag, 26. September 2010

Buchbinders Flohmarktfund: Sprungrückenbuch

In Buchbinderkreisen, vor allem unter Amateuren, werden einzelne Fachbegriffe mit einer gewissen Ehrfurcht in die Gesprächsrunden eingeworfen. Der „Sprungrücken” ist so einer: Viele wissen, was er bedeutet, wenige haben je einen in der Hand gehabt, kaum jemand hat je einen gebaut. Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Sprungrückenbuch 
Das schöne daran ist, dass eines der meist massigen Sprungrückenbücher immer flach aufliegt, wenn die Seite umgeklappt wird. Man blättert halt nicht einfach um und hält die Steile mit der flachen Hand unten, nein, die aktuell genutzte Buchhälfte liegt zum Schreiben flach auf.
Ich habe meinen Band auf dem Flohmarkt sehr günstig kaufen können, und ich dachte, dass ich aus dem schönen klangharten, hellblauen Papier mit seiner wunderbar glatten Oberfläche ein paar neue Notizbücher mit Ledereinband binden könnte. 
Doch nach näherer Betrachtung erkannte ich, was ich mir da für ein paar Euros angeschafft hatte: Ein Sprungrückenbuch in fast 4 mm starker Pappe und rotbraunem Buckram eingebunden, Titelseite mit goldgeprägtem, 2-zeiligem Titel „Correspondence Register”, zweifarbigem, doppeltem Vor- und Nachsatz (Heftvorsatz / sewn endsheets), Format ca. 32 x 33 x 2,5 cm), 88 Blatt Maschinenbütten, glatt, Wasserzeichen von Wiggins, Teape & Co, wahrscheinlich frühe 50er Jahre. Alles in bester Verfassung, Titel und Rücken sind ausgeblichen, der gesprenkelte Schnitt ist einwandfrei. Det janze müffelt altersgemäß, aber Katzenstreu wartet schon.



Sonntag, 8. August 2010

BuBis Sommerpause beendet

Zugegeben, buchbinden bei Raumtemperaturen, die den Leim schon vor dem Auftragen abbinden lassen, ist nicht wirklich pläsirlich, aber durch gezieltes Untermischen von BuBi-Kleister und/oder Wasser beherrschbar. Umso mehr freut es mich, eine Arbeit fertiggestellt zu haben, die sich in mehrfacher Hinsicht als ‚interessant’ herausgestellt hat.
Neu einzubinden war da ein Buch, typisch für eine gewisse Art der Billig-Publikation: Grässlicher  Komposer-Satz, im Bund viel zu eng montierte Einzelseiten, gedruckt auf merkwürdig steifem Papier und zusammengehalten von einer völlig unzureichenden Heißleimbindung. Diese war mehrfach gebrochen und einige Seiten waren bereits lose. Das für die Buntpapiererin Tanja Karipidis |: mehr :| wichtige Referenzbuch für die Vogeleiermuster ihres zauberhaften Sprenkelpapiers musste neu und haltbar eingebunden werden.
Ich habe den brüchigen, alten Leim entfernt, den Rücken mehrfach eingesägt, in die Sägefugen Fäden eingelegt und mit gelumbeckt. Den neuen Rücken habe ich mit 3F-Gaze stabilisiert und mit einer Lage Flanell ausgeglichen, denn etwas schief geschnitten war der ursprüngliche Rücken auch. Das Buch bekam handgefertigte Kapitalbändchen.
Den Einband habe ich als schmalen Halblederband mit rotem Schafleder und entsprechenden Lederecken gestaltet. Bezogen wurde das Buch mit Tanjas Sprenkelpapier „Turmfalke”. Das in einer „Blindprägung” eingeleimte Titelschildchen ist ein Digitaldruck auf 180 g/qm Bilderdruck.
Weil das Buch zu einigen Verkaufsveranstaltungen mitreisen wird, musste ein Schuber her. Dieser ist so bemaßt, dass zwecks Schonung des Rückens davon nichts übersteht. Der Schuber wurde mit dem Karipidis-Sprenkelpapier „Wachtel” bezogen.
Bei aller gebotenen Bescheidenheit: Beide Teile sind gelungen und bilden eine schöne Einheit, die den an Tanjas Sprenkelpapier Interessierten die guten gestalterischen sowie buchbinderischen Möglichkeiten demonstriert.

Das Buch wurde mit Motiv „Turmfalke” …
… und der Schuber mit Motiv „Wachtel” bezogen.

Wer sich für Tanja Karipidis Buntpapier interessiert und technische und/oder kaufmännische Informationen benötigt, der schreibe ihr doch eine Mail: studio[at]buntpapier[punkt]eu

Donnerstag, 11. September 2008

Szirmai - Archaeology of Medieval Bookbinding

„Das Lesen wissenschaftlicher Bücher war nie mein Ding”, sach ich ma, wohl wissend, dass dieser flapsige Spruch nicht stimmt. Oder politisch ausgesagt, so nicht stimmt - mit der Betonung auf „so”. Quelle dieses Gedankenganges (ja, ja!) war die Beschaffung und das Lesen eines Buches: „J. A. Szirmai; The Archaeology of Medieval Bookbinding; Ashgate, Aldershot, Brookfield, 1999”. Darin schildert der hochbetagte Wissenschaftler, Lehrer UND Buchkünstler Szirmai seine Suche nach der wissenschaftlichen Literatur zu den frühen und frühesten Zeugnissen der Buchbindekunst.
Szirmai ließ sich - nach eigenen Worten - lässig oder gar fahrlässig, zu einer Reihe von Vorlesungen im Wintersemester 1987 in Amsterdam überreden, denn er vermutete in der renommierten Universitätsbibliothek alle von ihm in seinen Buchbinde-Archeologie-Forschungsprojekten vermissten „big handbooks”. Doch, für ihn sehr überraschend, fand er - nichts. Der Grund für die schmerzlich empfundene Lücke war schnell gefunden. Es existierte damals nichts handfestes, umfassendes zu dem Thema früher Buchbindearbeiten, den Koperten östlicher und westlicher Provenienz (copitc bindings).
Szirmai schrieb dieses Standardwerk schließlich nach jahrelanger penibler Arbeit und Dokumentation in Europa selbst. Darüber hinaus lieferte er nahezu alle wichtigen Illustrationen für die Publikation mit.
„Der Szirmai” geistere seit Jahren schon durch die Diskussionen der Buchbindefreunde und ging ein in die Quellangaben kleinerer Publikationen sowie größerer „How-to-Anleitungen” zum Thema „leim- und kleisterfreie Bücher”.
Weil der Preis für das erstklassig gemachte Buch nicht unerheblich ist (ca. 200 $ plus Versand für 352 Seiten) habe ich mich, Buchbindefreund Uwe sei's gedankt, bei der FH-Bibliothek Köln eingeschrieben, und mir das Buch für diesen Monat ausgeliehen. (P.S.: Da warten noch gut zwei laufende Meter weiterer Bücher und - ungemessen - Zeitschriften auf interessierte Leser. Welcher Lesestoff in der Universitätsbibliothek auf mich wartet, das muss ich bei nächster Gelegenheit angehen.
Durch den Szirmai durchgekämpft habe ich mich auch schon, in tapferer Zusammenarbeit mit einem dicken ollen Webster, welcher dringend nötig war wg. der elitärten, wissenschaftlichen Wortwahl des Autors.
Ich habe also gelesen und es hat mir Freude gemacht, obwohl Szirmai ein wissenschaftliches Buch, s/w-illustriert, mit vielen Fußnoten und einer bemerkenswerten Literaturtafel im Anhang veröffentlichte. Sein Stil ist für einen ungeübten, aber motivierten Leser eingängig, stellenweise sogar „süffig”, vor allem dann, wenn er seine persönlichen kulturhistorischen Erkenntnisse verbalisiert. Diese Stellen haben es mir besonders angetan.
Sein Motiv, das Buch zu schreiben, sagt mir genug darüber aus, dass die Buchbinderei, insgesamt gesehen, jahrhundertelang hinter der naschhaften Darstellung der Einbandgestaltung zurückstehen musste. Szirmais Forschungsergebnisse beklagen auch die Vernichtung von „antiken und frühmittelalterlichen” Koperten durch das mehrfache erbarmungslose Neubinden in modische, zeitgemäße Bibliotheksbände oder das Fleddern von frühen Büchern, um Material für Deckel, Rücken, Vorsätze und sonstige buchbinderische Aktivitäten zu „gewinnen”.
Einen Wermutstropfen musste ich vor ein paar Tagen einer amerikanischen Buchbindefreundin servieren, die davon ausgegangen war, dass der Szirmai auch Anleitungen für unterschiedliche „coptic bindings” liefert. Dies tut er nicht! Interessenten an einer der Urformen des Buchbindens müssen sich schon selbst weiterführende Gedanken, Pläne und Zeichnungen machen. Trotzdem: Meine uneingeschränkte Leseempfehlung, liebe Buchbindeinteressierte, für den Szirmai, das ist ein unverzichtbares Standardwerk.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Franzband, die ‚offizielle’ Definition

Was denn, schon wieder ein Buch, schon wieder Französische Buchbinderei? Der Grund ist der: In den letzten Tagen entspann sich eine fröhliche eMail-Aktivität zwischen der Pfalz und dem Rheinland, was denn ein ‚Franzband’ per Definition sei. Der Onliner surft mal eben bei wikipedia vorbei und bildet sich. Meyers Lexikon weiss auch nicht mehr, die anderen schreiben eh hier und/oder da ab. Der Wiki-Eintrag bezieht sich - unter anderem - auf ein lange vergriffenes Buch von Moessner, Gustav u. Kriechel, Hans; Buchbinder ABC; Zanders, Berg.-Gladbach, 1991. 
Zitat: Franzband. Ledereinband, auf => «tiefen Falz» angesetzt; Halbfranzband, wenn nur der Rücken mit Leder überzogen ist; die Einbandpappen sind direkt an die Anpressfalze geschoben und haben keinen Gelenkspielraum, wie ihn der technisch einfachere Lederband hat; die Heftbünde kleben außen auf den Deckeln oder werden nach französischer Manier durch die Deckel gezogen; solideste Einbandtechnik, zeitaufwendig. Der Name F. weist auf die aus Frankreich eingeführte Technik hin; im Französischen wird der F. «Reliure proprement dite » genannt.
Das Buch ist bei verschiedenen Antiquariaten noch zu haben. Aber Vorsicht, es ist selten, gesucht und recht teuer, so um die 25-40 EUROS müssen Sie schon für ein gutes Exemplar investieren. Dann haben Sie die gültigen Definitionen aus der Welt des Buchbindens auf dem Tisch. Das eine Exemplar bei ZVAB, das für 516 €, das lassen Sie mal, das ist sicher ein Tippfehler. Weil das Buch eines der berühmten und begehrten Werbemittel der Papierfabrik Zanders war, ist es natürlich in hauseigenes 134er Efalin, Leinenprägung, dunkelbraun, eingebunden. Es hat eine zweifarbige Rücken- und  Titelprägung und wurde auf Ikonofix gedruckt. Leider sind bei den meisten Exemplaren die Rücken ausgebleicht, das hat Efalin so an sich. 
Und jetzt verrate ich Ihnen, woher ich mein Exemplar habe. Das war ein Geschenk für Interessierte aus der Branche. Als Werbeleiter, der ich damals war, als leidenschaftlicher Zanders-Papier-Anwender, der ich immer war und als Verfechter von Werbegeschenken mit hohem Gebrauchswert, wuchsen mir die 135 Seiten geballtes Fachwissen völlig zu Recht zu, finde ich auch im Nachhinein.
Haben Sie Vorschläge, welche Einträge ich in den nächsten Wochen vorstellen soll? Bradel? Englische Broschur? Elefantenhaut? Französische Broschur? Weichmacherwanderung? Wiener Papp? Mach ich doch glatt. Beginnen werde ich mit dem Stichwort „Buchbinder, berühmt gewordene.” Sie werden schon sehen.

Dienstag, 1. Juli 2008

Hideko Ise — Sophie et le relier



Ein Buch für Kinder, ein Buch mit Bildern, ein Kinderbilderbuch übers Buchbinden? Ja, geschrieben und illustriert von der renommierten japanischen Illustratorin Hideko Ise. Ein feines Buch mit einem flotten, auch Kindern eingängigen Text und delikaten, stimmungsvoll aquarellierten Zeichnungen, das auch Erwachsenen mit seinen 60 querformatigen, durchgehend farbigen Seiten eine wahre Augenfreude sein wird.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Sophies Lieblingsbuch hat sich in seine Bestandteile zerlegt. Man rät ihr, zum ‚Buchdoktor’ zu gehen. Dieser, als souveräner Herr über ein gigantisches „désordre” tut wie gebeten, er bindet Sophies Buch wieder ein. Nach allen Regeln der französischen Buchbinderkunst bekommt „petite” ihr Baumbuch wieder zurück, einschließlich einer individuellen neuen Titelgestaltung! Hideko Ise hat als erfahrene Illustratorin nicht nur diese Bilderbuchstimmung sehr treffend eingefangen, sondern sie hat darüber hinaus auch die Wirklichkeit einer Handbuchbinderei gut getroffen, in der elektrischer Strom anscheinend nur zur Beleuchtung genutzt wird. Zugegeben, ein wenig verklärt, aber Klotzpresse, Blockschneider, Pappschere, alles massive Geräte aus Hartholz und Eisen und alle muskelbetrieben, sind keine Phantasieprodukte. Viel Spass mit dem Buch. Wenn Sie kaufen wollen, ich hab's mir hier bestellt :: Link :: 

Sonntag, 29. Juni 2008

Hohes Lob für treue Dienste


Eines Tages konnte ich zum Schrottpreis eine wirkliche Kostbarkeit aus den frühen 60 Jahren kaufen: Eine Hebelschneidemaschine der Firma Schimanek. Ich habe vergessen, wie viele Kilo der Klotz wog, den ich mit meinem halbwüchsigen Sohn auf den LKW gehievt und in meinen Keller geschleppt habe. Schwer war's, wirklich, obwohl das Gerät zerlegt war. Das Messer lässt sich nachschleifen, sowieso, und auch, wenn man, wie mir geschehen, eine lose herumvagabundierende Heftklammer übersieht und so dem haarscharfen Messer zwei unnütze Zahnlücken per Hebelkraft aufzwingt.
Die HS 46 ist eine feine, rein mechanische Maschine, zuverlässig und ziemlich unkaputtbar. Und, siehe da, als ich dem Gerät etwas technischen Support angedeihen lassen wollte (Reinigen, Ölen, justieren nach Messer- u. Scheidbalken-Wechsel, etc.) bekam ich auf Anfrage umgehend vom Hersteller genau das was ich benötigte. Für eine neue Kurbel muss ich allerdings noch ein wenig sparen; Ersatzteile aus Guss mit präzise geschnittenen Gewinden kosten halt. Ein Blick auf die Schimanek-Website zeigt, dass deren Geräte immer noch in der Qualitätsklasse ‚heavy-duty’ zu finden sind. Und die hat halt ihren Preis. Ich habe Sie gewarnt. Aber wollten Sie nicht immer schon Ihren Enkeln etwas vererben, das diese auch wieder vererben können? Aber vielleicht lackiere ich das dicke Ding mal in Original-Harley-Davidson-Farben um

Artist’s Books

Oh, wie schön! Wer so lange Bücher bindet wie ich, den kann so schnell nichts mehr aufschrecken. Aber hier, Hut ab, hier gibt es viel Schönes zu sehen.  :: Link :: Mit besten Empfehlungen von Peter Verheyen & seinem Team, auch bekannt als die Macher von Bonefolder. Willkommen in der Bloggersphäre.

Selbst ist der Mann!



Mit bei ebay ‚geschossenen’ Produkten kann man seine helle Freude, aber auch seinen schwarzen Absturz erleben. Diesmal ging's gut. Das ersteigerte grau-beige Büttenpapier kam schnell, war gut verpackt und in Laufrichtung gerollt. Die Leerräume in der aus Aldi-Weinkartons zusammengeklötterten Emballage war mit verknitterten Bögen des gekauften Papiers ausgefüllt, diese also bestens geeignet, verlustfrei zu experimentieren. 
Ich habe ein paar Bögen probehalber gefalzt und geheftet, beschnittet und nach Roger-Green-Methode fertiggestellt. Auch das Bezugspapier für die Decke habe ich selbst gekleistert. ‚Pfingstrose hell’ heisst das Muster auf dem fertigen Buch mit Rücken aus hellgrauem Regentleinen. Muster II (neben Regent blau) nenn ich mal ‚Waldwiese’, weil mir sonst nix einfällt. Da ist die Decke fertig, aber den Block konnte ich nicht einhängen, weil mir erst nach dem Beschneiden wieder einfiel, dass das Messer im Hebelschneider mackig ist und noch nicht gegen das nachgeschliffene Messer ausgetauscht war. Die Blümelein müssen also noch warten, denn ein Buch mit einem allseitigen Freiraum von über 1 cm sieht echt erbärmlich aus. Denn soviel musste ich abschneiden, um den Block als solchen noch zu retten.

What a mess - Klebrige Notizen 1. Teil

Buchbinden ganz ohne Maschinen? Kein Problem! Gutes Handwerkszeug reicht. Buchbinden ganz ohne Kleber? Ja, geht auch, aber da betritt man eine eigene Welt, mit eigenen Gurus und deren mehr oder weniger instruktiven How-to-Anleitungen, mit eigenen Tags bei flickr und einigen individuellen Blogs. Koperten, coptic binding, books without paste and glue.
Möchte Hobby-Buchbinder/in jedoch ein klassisches Buch binden, möchte sie/er Herrn Bradel folgen, einen (Edel-)Pappband, einen Millimeterband schaffen, spätestens dann muss Klebstoff her. Da reden wir nicht lange um den klebrigen Brei herum. Kleister oder Buchbinderleim oder beides braucht der Mensch am Basteltisch. Alleskleber, 2-Komponentenkleber oder sonstige High-Tech-Super-Duper-Wahnsinnsprodukte gehören in die Werbung oder in den Weltraum, aber nicht in den Arbeitsbereich des Buchbinders.
Buchbinderleim ist ein Kaltleim ähnliches Industrieprodukt, das kauft man sich per Kilodose als Markenware oder No-Name-Produkt im Buchbindebedarf ‚online’ oder, wenn verfügbar, ‚over the counter’.
Kleister ist in verschiedenen Aggregatzuständen zu haben: Als Fertigprodukt ist geeigneter Kleister sauteuer, denn er steht dann meist in Bastelläden, wo sich ScrabbookerInnen ihre Kostbarkeiten kaufen. Für den Preis eines 125 ml Flakons kann ich glatt mit der Tram quer durch die Stadt zum BuBiBedarf fahren und komme mit einem Kilo feinster Profiware zum gleichen Preis zurück. Als Pulver (meist Methylcellulose) steht er spätestens im nächsten Baumarktregal. Dort sollte man jedoch darauf achten, dass das Kartönchen wirklich nur MC enthält. Denn wozu brauche ich beispielsweise den hohen Säureanteil, der den Schwertapetenkleister befähigt, sich am Kalkputz festzukrallen, in meinem Buch? Alternativ klaut man sich in der Küche ein Tässchen Mehl und die 4 - 4 1/2 fache Menge Wasser und kocht sich seinen Kleister höchstselbst und ständig rührend. Das kostet dann so gut wie nix und erfreut des Geizkragens Geldbeutel tagelang ganz ungemein.
Kleister also: Tapetenkleister (oder reine MC), ist nach aufgedruckter Gebrauchsanweisung angerührt, in weniger als 1 Stunde einsatzbereit. Ich erkenne das richtige Produkt daran, wenn hinten draufsteht, dass er für Kinderbastelarbeiten geeignet ist, also keine Pro- oder Anti-Zusätze enthält. Für hausgemachten Kleister wirft Googl jede Menge Rezepte zum Nachkochen aus, auch solche mit 405er Mehl. Meine persönlichen Erfahrungen sind: Ich benutze die beste Stielkasserolle aus der Küche, da brennt die Masse nicht so leicht an. Unter den fertigen, hausgekochten ‚Pudding’ klöppele ich, nein, kein Ei, sondern ein paar Tropfen eines farblosen Desinfektionsmittels, das hält die Pampe etwas länger frisch. Buchbinder früherer Zeiten nahmen Borax zu diesem Behufe. Der Versuchsansatz mit (Kleb-)Reismehl aus dem Asia-Laden wurde herrlich dick und kleberig, der Kleister ‚schwamm’ jedoch beim Kleisterpapiermachen auf dem (Bütten-)Papier und ließ sich nicht so leicht verreiben und mustern. Ein Kleister, aus handelsüblichem Mehl gekocht, brachte die besten Ergebnisse. Der im BuBi-Bedarf gekaufte Profikleister natürlich auch. Und wenn sich beim Gourmet-Kleister nach ein paar Tagen etwas Wasser an der Oberfläche absetzt, hilft, wie beim Kochen, nur Rühren. Aber das tu ich eh, bevor ich den Pinsel eintauche. Spätestens, wenn es beim Öffnen der Dose dem freien Buch- u. Papierkünstler den Atem verschlägt, sollte eine neue Charge angesetzt werden. Gealterter Kleister kann so gemein sein.
P.S.: US-Buchbindguru Keith Smith schreibt in seinem Opus-Magnus, Band III, dass er auch den noch warmen Kleister verarbeitet. Doch er kleistert auch ohne Makulatur auf dem Leuchtkasten, schreibt er, also warum nicht auch mit warmer Pampe? ;–)

Samstag, 14. Juni 2008

NEU: „Label Binding” nach Carmencho Arregui



Eine Buchbinderin, die ich sehr schätze, weil sie professionelle Perfektion und leidenschaftliche Experimentierlust erfolgreich miteinander verbindet, ist Carmencho Arregui (CA). Sie ist spanischer Herkunft, multikulturell (aus)gebildet, wohnt und arbeitet in Venedig, lehrt und lernt in ganz Europa. Sie ist über jeden handwerklichen Zweifel erhaben, sonst hätte sie nicht die Aufträge von Museen und Sammlern, von denen sie lebt. Sie hat sich darüber hinaus schon mehrfach die Aufmerksamkeit der Buchbindergemeinde gesichert, nicht zuletzt mit ihrer vielfach adaptierten Cross Structure Binding.
Vor allem ihre leimfreien Bindungen interessieren mich und auch, warum leimfreie Bindungen in den letzten Jahren solch weite Verbreitung gefunden haben. Dieses Frühjahr also mailte CA ihre Bekannten und Freunde an und wies auf ihre neueste Publikation hin: The Label Bindung :: Link ::
Dazu meine Erfolgsmeldung: Es hat funktioniert; auch mit vorsichtigen Abweichungen von CAs Arbeitsanweisungen. Mein fotografiertes Ausfallmuster ist vielleicht ein wenig farblos, aber vollständig aus vorhandenem Material gemacht: Büttenpapier, Büttenkarton, gewachster Zwirn. Das von CA geforderte Stück Pergament für das ‚Label’ habe ich mangels Material durch ein Kompositum aus handgeschöpftem Bütten und einem Stückchen Tyvek ersetzt. Netto-Arbeitszeit, vom Falzen und Beraufen des Velin-Papiers für den Block bis zur Fertigstellung des Büchleins ca. 1,5 – 2 Stunden, die sich durch Routine verkürzen lassen. An manchen Stellen ist etwas Feinmotorik gefordert. Die im Bild zu sehenden Löcher, im Original 0,5 mm groß und mit einem japanischen Puncher gestanzt, sind mir zu fett, beim nächsten Mal nehm ich halt die Vorstechahle.
Die Selbstbau-Heftlade nebst aktueller Modifikation, auf der CA-Website genau beschrieben, habe ich mit meinen handwerklichen Möglichkeiten angepasst. Im Original wurde zum Zurückhalten des Umschlags beim Heften des Blocks eine Metallstange zwischen die Schraubzwingen geschweißt. Ich habe ein passend zugesägtes Hartholzstäbchen namens ‚Riffelholz‘ mit zwei Kabelbindern befestigt. Das funktioniert bestens und CA wird es sicher nicht stören.