Samstag, 5. Mai 2012

Wellige Zeichnung glätten

Jörg Czischke 1972.
Farbzeichnung (preussischblau) Mischtechnik,
70x100 cm, signiert, datiert

Aufruf an meine Freunde: Diese Original-Farbzeichnung meines verstorbenen Freundes Jörg Czischke hat einen Makel - sie wellt sich. Ich möchte sie gerne „entfalten”, da sie als Rarität ordentlich fotografiert werden muss. Einer meiner Vorbesitzer hat leider getan, was vor 20 oder gar 30 Jahren (fast) jeder getan hat, der Zugriff auf die verdammte Gummilösung hatte. Er hat das Blatt (Schoeller Hammer Zeichenkarton 70 x 100 cm) mit dem Teufelszeug irgendwo vollflächig aufgebappt. Vorne ist das signierte Blatt makellos; hinten allerdings k***braun und fleckig. An einer winzigen Ecke habe ich mit Wattestäbchen und versch. Lösungsmitteln versucht, das Zeug zu entfernen. Rührt sich nichts, der alte Kleber ist wie versteinert.
Wegen der überaus delikaten (Misch-)Technik Czischkes, der mit hauchdünnen Schichten von feinsten Pigmenten und dem Abrieb von Künstlerkreiden und Wachskreiden gearbeitet hat, kann ich das Blatt nicht einfach in ein Bad stecken (lassen). Was also tun? Meine finanziellen Möglichkeiten sind halt begrenzt, so dass der Auftrag an einen Papierrestaurator entfallen muss.
Bleibt die Eigeninitiative.
a) Ich könnte mit BuBi-Kleister auf eine maßhaltige Platte Museumspappe aufkaschieren und unter Gewicht trocknen lassen. Frage ist nur, ob der hinterwärtige Rubbercement-Auftrag das ordentliche, glatte Abtrocknen nicht verhindert?
b) Eine, mittlerweile verpönte Technik, Grafik zu rahmen, könnte in diesem Fall ausnahmsweise angewendet werden. Man klebt die Arbeit allseitig mit säurefreiem, weissem Nassklebeband von hinten auf die sorgfältig gereinigte Frontglasscheibe. Der Klebefalz ragt höchstens 5 - 6 mm in die Rückseite hinein und zieht das Blatt beim Abtrocknen glatt.

Was meint Ihr dazu?

Montag, 9. April 2012

Louets Vertical Plough is in da house

Es ist eigentlich nicht meine Art, mit neu Gekauftem anzugeben. Diesmal mach ich mal die Ausnahme, es geht um eines der fundamentalen Hobby-BuBi-Probleme, den Beschnitt des Buchblocks. Ich hatte mich gelegentlich gefragt, warum von Hobby-BuchbinderInnen lange und qualvoll nach Druckereien oder Copyshops gesucht wird, die die mühsam gehefteten Buchblocks zuschneiden können.
Wollen tun das die wenigsten Profidrucker, diese Erfahrung macht man schnell, der Amateur mit seinem Büchlein stört halt den stressigen Arbeitsablauf in der Weiterverarbeitung. Eine weitere Erfahrung ist die, dass in kleinen Copyshops die Messer der Stapelschneider oft in erbärmlichen Zustand sind. Riefen auf dem Beschnitt sind dann die Folge. Oder die Messer sind abgearbeitet, will sagen nicht geschliffen. Der Beschnitt sieht dann entsprechend unästhetisch aus; schiefgedrückter Beschnitt ist auch nicht selten.
Mein alter Blockschneider im Keller, ein gusseisernes Gerät pharaonischen Ausmaßes von 1905,  schwächelte in letzter Zeit gar sehr, nötige Ersatzteile werden richtig teuer. Und ich bin nicht bereit, dieses Aufwand zu betreiben. Also habe ich nach einer Alternative gesucht und diese gefunden: Louet's Bescheidehobel ist eine solche und bestens für Amateure bzw. Einzelanfertiger geeignet. Die anderen Alternativen aus Frankreich, England und Griechenland (ja, ja!) hab ich mir online angeschaut und nach Erfahrungen bei den Freunden gefragt. Selbst aus den USA kamen nur gute Noten für Louet, auch von anerkannten Profis. Also, Entscheidung gefallen: Osterurlaub adé. Bescheidhobel gekauft.
Heute früh habe ich dann einen richtigen Klotz von Buchblock in Form gebracht: Hans Fürstenbergs 3,6 mm dickes, über 30 cm langes und 23 cm breites Buch, Titel: „Das französische Buch im achtzehnten Jahrhundert und in der Empirezeit”, rein wissenschaftlich aufgemacht (ohne Abbildungen) und edel gedruckt auf Zerkall-Bütten. Gekauft hatte ich mir die Rohbögen (54 Lagen á 8 Seiten) von 1929, zusammengehalten von einem schnellen Aktenstich und ein wenig Knochenleim. Sie kamen in einem einfachen Broschur-Einschlag und bettelten nach einem angemessenen festen Einband. Das Buch selbst war die Jahresgabe eines ehedem legendären Vereins von Buchsammlern und entsprechend edel typografiert. Nun stell ich mir halt in aller Demut vor, wie ein solch großformatiges Buch 1930 ausgesehen haben könnte, Ich möchte es im Stile der Zeit einbinden.
Zurück zum „Hobel”: Der funktioniert hervorragend, wenn man bestimmte, auch in der Bedienungsanleitung kurzgefasste Hinweise wirklich beherzigt. Das wichtigste ist, sage ich, bloß keine Hektik, es herrsche Ruhe und Gemütlichkeit, wenn sich das sichelförmige Messer Blatt-für-Blatt durch den Block frisst und eine ab-so-lut glatte Oberfläche hinterlässt. Da muss nicht mehr viel geschabt oder geschliffen werden, die Fläche kann sofort gefärbt oder gar bemalt werden.  Morgen (oder so) wird gerundet und der  Rücken stabilisiert, usw. usw. Ich werde berichten.


Heftung vorbereiten: „Fäden ziehen” 

Bescheidhobel in Aktion, Teil 3: Kopfschnitt


Donnerstag, 5. April 2012

Direkt vor meiner Nase …

… in Deutz-Mühlheim. „in der alten Gasfabrik”, werden - neben vielen anderen feinen Dingen - auch Buchbinderpressen, Klotzpressen, wie immer man die Dinger taufen möchte, gebaut. Einfach so. Einfach Klasse. Da muss ich hin.

http://www.flickr.com/photos/dingfabrik/sets/72157625765030863/with/5381684753/

Sonntag, 1. April 2012

Leseempfehlung: „Bücher riechen”

Einen Titel wie diesen kann sich nur ein wirklicher Bücherliebhaber ausdenken. Bücher riechen? Ja, wenn sie nicht gerade unsachgemäß in einem düsteren, feuchten Loch muffig geworden sind oder wenn sie nicht auf hochsäurehaltigen Holzschliff gedruckt wurden, ja, dann können Bücher recht heimelig riechen. Nur Mut, lesen Sie doch selbst. Es lohnt sich, der Berliner Antiquar Rainer Friedrich Meyer kann schreiben und vom Buchbinden versteht er auch eine Menge!

http://meyerbuch.wordpress.com/2012/01/27/bucher-riechen/

Mittwoch, 18. Januar 2012

Und was kommt im Neuen Jahr?

Kurz und knapp: Ich habe da ein paar alte Buchschätze, die darauf warten, individuell zu standfesten, lesefähigen Büchern gemacht zu werden. Beispielsweise:

a) Wilhelm Worringer: „Die altdeutsche Buchillustration” (1919, 2. Aufl., zahlreiche frühe s/w-Wiegendrucke, auch von noch früheren Blockbüchern). Der Text ist vor allem Kunsthistorikern bekannt. Alles im Buchdruck auf Maschinenbütten, beraufter Beschnitt, oben Reste von Färbung; Umschlag (bis auf das abzulösende Titelschildchen) unbrauchbar, großes Fehlteil hinten. Beide Scharniere größtenteils gebrochen. Der Rücken Lederimitat, nitrolackiertes, geprägtes Papier mit unlesbarer Titelprägung. Die Heftung ist für mich etwas neues, hab noch nie ein Buch ohne Fitzbünde gebunden. Da ich die vorhandenen Löcher nutze, muss ich mir noch das richtige Heftschema in der Literatur suchen. 3 Lagen sind im Falz ausgerissen, die sich aber gut reparieren lassen. Geheftet war das Buch mit doppelt gelegtem, sehr dünnem Faden. Von den Kapitalbändern fand ich nur noch winzige Reste, ebenso von der Hülse. Geklebt war alles mit Knochenleim über einer dünnen Kleisterschicht.

Gefunden in der dunklen Ecke eines Dresdner Antiquariats.
Wichtig war mir der Hinweis, es sei beschädigt und deshalb günstig zu haben. 

b) „Shakespeare Sonette in der Übersetzung von Karl Lachmann”, Berlin 1820.
Im Januar kann man in Bonn-Beuel, im sog. Brückenforum gut Geld loswerden, dort findet eine kleine, feine Antiquariatsmesse statt. Für BuBis gab es diesmal nicht viel zu holen, ausser völlig überteuerten, gut gebrauchten Exemplaren der bekannten Jahrbücher von Designer Bookbinders. Meinem Freund Werner [ http://www.buch-und-kunst.de/ ] habe ich dann ein merkwürdiges, kleinformatiges Büchlein abgekauft, eben diesen Shakespeare. Leider fehlt ihm fast die gesamte Titelei, aber sonst ist alles dran. Der Buchblock (oben beschnitten und rechts und unten  Originalränder vom handgeschöpften Bütten, leider sehr gedunkelt), macht aber generell einen soliden Eindruck. Eingebunden wurde der Block vor noch nicht allzu langer Zeit von einem typisch deutschen (Liebhaber-?)Buchbinder: Schöner, sorgfältig gemachter Halbledereinband, wenig schief nur, braun genarbtes Leder mit passendem Römerturm-Bütten bezogen, goldgeprägter Rückentitel und echte (!) handgestochene Kapitel. Der Pferdefuß: Als Ersatz für den fehlenden Titel nebst Frontispiz hat ein Vorbesitzer mit Füller und blauer Schultinte alles auf den vorderen Vorsatz geschrieben. Sieht nicht wirklich gut aus. Was würden Sie tun? Alles neu, alles lassen? Versuchen, vorderen Vorsatz zu lösen, zu erneuern, dann wieder einhängen? Vorher versuchen, eine Kopie der Original-Titelei suchen und vorkleben?




Ach und da wäre noch c), der Hans Fürstenberg: „Das französische Buch im 18. Jahrhundert und in der Empirezeit”. Dazu gestatte ich mir einen kurzen Tagtraum und stelle mir vor, wie sich einer der Mitglieder der erlesenen Bibliophilenrunde „Maximilian-Gesellschaft” beim Überreichen seiner Rohbögen in der Bibliothek des Autors (1929/1930) im Geiste ausgemalt hat, wie sein Buchbinder dieses großformatige Werk einbinden wird. Fürstenberg, 1890 in Berlin geboren, war Bankier, Schöngeist, Sammler u. profunder Kunsthistoriker, der vor den Nazis nach Paris emigrierte und später im Schloß Beaumesnil residierte. Ich glaube da sind auch Teile seiner legendären Buchsammlung zu bewundern.
Mein „Stück” ist nicht nummeriert. 


Samstag, 10. Dezember 2011

Hobby-Buchbinders (Vor-)Weihnacht

Für 2011 ist die BuBi-Werkstatt - mehr oder weniger - geschlossen. Bevor ich daran gehe, meine Bücherlein abzuliefern und meine Butze aufzuräumen, möchte ich noch schnell zeigen, was ich in den letzten Tage fertiggestellt habe.

vuscor macht Weihnachtsgeschenke; v.l.n.r.:
4x Skizzenbuch, 2x Lebenserinnerungen, 2 Blindbücher (dick+dünn), 1 x Mark Twain


_ Den Mark Twain habe ich als Rohbögen auf ebay geschossen. Der hat mir besonders gut gefallen, weil der legendäre Walter Trier diese Nachkriegspublikation knuffig illustriert hat. Eine identische Ausgabe las ich als Kind. Ich musste damals, das war wohl ca. Weihnachten 1953/54, mit meiner Mutter um das Buch streiten, denn ihr schien es auch zu gefallen. Vom Patenonkel bekam ich Hermann Löns, Aus Feld und Flur, geschenkt. Das, glaubet mir, habe ich nie gelesen, selbst als Kind nicht. Also Twain: Bögen, der Übung wegen, auf Kordel geheftet, den Regentrücken tintenstrahlbedruckt und den Rest mit Tanjas Kleisterpapier bezogen.] Empfänger sind 2 Mädchen von 10 + 11 Jahren. Bin gespannt, ob die mit solch einem antiquierten Schätzchen etwas anfangen können.
_ Die Erinnerungen eines alten Bekannten, er hat seine Zeit als (Kinder-)Soldat bei den untergehenden Nazis beschrieben, habe ich in ein (5-)Milllimeter-Bändchen mit Leinenrücken und feldgrauem Sprenkelpapier gebunden. Vorsatz wurde ein mit dem Bezugspapier abgestimmtes Roemerturm Maschinenbütten, darauf auch die Titelschildchen.
_ Die 4 identischen Skizzenbücher verschenke ich an enge Freunde, die regelmäßig und gemeinsam zum Aquarellieren ausrücken und erstaunlich poetische Arbeiten zurückbringen: „Baumriesen in herbstlich-nebeliger Siegtalaue”. [Angestupst durch die leise Bemerkung der berühmten Meisterbuchbinderin Mergemeier/Düsseldorf: „Buckram (sprich griffschutzbeschichtetes Bibliotheksleinen), sollte für Alltagsbücher viel öfter eingesetzt werden!” Recht hat die Dame. Hier also mit einem hellorangeroten Regent-Rücken, orangefarbenes Buckram, Buchblock Maschinenbütten vom boesner, A4 auf A5 gefalzte Bögen, daher edel daherkommender, allseitiger Büttenrand ;-o, dunkelrotes Tosabütten als Vorsatz, kleine Blindprägung auf der Titelseite].
Auf Wunsch einer einzelnen Dame in gleicher, handwerklicher Manier gemachtes dickes Notizbuch mit bestem, altweiss getöntem Schreibpapier und eingebunden in der Leinen-Buckram-Variante Rot-Schwarz. Zur Veredlung auf die Titelseite eine Blindprägung mit der Initiale der jungen Dame gesetzt.
_ Die von mir so gerne geübte Papier- u. Pappe-Resteverwertung ergab ein weiteres Skizzenbüchlein aus Abschnitten von feinem Briefpapier (Maschinenbütten, Roemerturm) mit weinrotem Leinenrücken und einem Bezug aus handgeschöpftem indischen „Banana khadi”-Papier. Dieses habe ich nach langer Suche bei einem französischen Anbieter auf der BuBi-Messe im Oktober in Köln gesehen und gekauft. Leider nur 1 Probebogen, was ich sehr bedaure, da sich das Material hervorragend verarbeiten lässt und eine sehr schöne Haptik hat.  Auch hier eine kleine Blindprägung auf der 1 Seite. Dort soll Empfänger ein Titeletikett einkleben.

Mittwoch, 9. November 2011

Expand your bookshelf, please.

«Lehrgang für Papparbeiten - Cours de Cartonnage» Arbeiten für Schüler und Lehrerkurse. Arbeitsbuch für die Freizeitbeschäftigung. Zweisprachig deutsch-französisch, 191 S., zahlreiche S/W-Abbildungen.
Papparbeiten sind nach der reinen Lehre der alten Meister die „Nebenarbeiten des Buchbinders”. Nun, wer sich in dieses Buch, herausgegeben 1966 vom Schweizerischen Verein für Handarbeit und Schulreform (sic!), vertieft und sich zwischen den ungezählten hervorragenden Werkzeichnungen nicht verliert, ist bald vom Gegenteil überzeugt.
Natürlich meine ich den Buchbinde-Amateur, nicht den Profi, denn, so glaube ich, der würde sich freuen, wenn er gelegentlich den Auftrag erhielte, eine Schachtel, eine Box oder gar eine Dokumentenrolle zu fertigen. Leider findet sich so schnell niemand, der kunsthandwerkliche Objekte der gediegenen Art in Auftrag gibt und dem die fällige Rechnung nicht die Tränen in die Augen treibt.
Den Hinweis zum Buch, das in Wirklichkeit eine fadengeheftete, knochengeleimte Broschur ist, verdanke ich der Schweizerin Käti Kreienbühl, besser bekannt als kecke kreatives handwerk, deren Exemplar leider ziemlich ramponiert war. Man sah ihm das halbe Jahrhundert im Gebrauch durchaus an. Mein eigenes, das ich zwischenzeitlich auf ZVAB fand, ist ähnlich mürbe im Rücken, besteht doch die Maschinenheftung aus einem hauchdünnen Fädlein.
Käti schicke ich morgen ihr kostbares Büchlein, neu und stabil eingebunden, und Ihnen empfehle ich, sich um ein eigenes zu bemühen. Denn wer gerne mit Pappe arbeitet, wird sich über die Fülle an sofort verwertbaren, zielorientierten Informationen freuen.

Kätis Buch zerlegt …

… und neu eingebunden.