Dienstag, 11. Februar 2014

In ganz eigener Sache:

Heute vor 3 Jahren starb, todkrank, Erla Zillig, geb. Preuschl von Haldenburg. Ich denke oft und gerne an meine intelligente, schöne, elegante und soziale Frau. Und widme ihr dieses leise Zitat: „Ach, es waren schöne Tage als mein Blick an deinem hing. (Florestan)

Sonntag, 29. Dezember 2013

Wiener Papp - Ein Buchbinde-Mythos

Ein ehrwürdiges Handwerk wie die Buchbinderei hat unzählige Wechsel, Umbrüche und Innovationen in seinen Technologien erlebt. Dabei entstanden Mythen, weil Jahrzehnte alte, in Generationen bewährte Werkstoffe, Maschinen oder Werkzeuge auf Nimmerwiedersehen im Buchbinder-Orkus verschwanden. Der eine oder andere Begriff geistert auch heute noch in manchen Köpfen, vor allem in solchen, die sich durch die Fachliteratur der frühen Jahre des 19. und 20. Jahrhunderts wühlen. So begegnete mir schon öfter der Begriff vom „Wiener Papp”. 
Das war nach allem was ich las und in Gesprächen mit alten, erfahrenen Fachleuten erfuhr, ein spezieller Klebstoff, in erster Linie für Leder oder ähnliche Werkstoffe. „Wiener Papp” musste in seinen Anfängen vom Buchbinder selbst hergestellt werden. Bis in die Jahre nach dem 2. Weltkrieg konnte dieser vielgenutzte Kleber als Pulver oder Granulat käuflich erworben werden. 
In „Wilhelm Leo's Buchbinderkalender von 1921” lese ich voller Staunen und mit einem gewissen Quantum Brechreiz, wie - so kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs - die Buchbinder den vielfach verwendbaren „Wiener Papp” selbst herzustellen hatten, allen damit verbundenen Schrecklichkeiten zum Trotze. Für die jüngeren Leser_innen sei's wiederholt: Die aktuellen Kaltleime und auch haltbaren BuBi-Kleister gab es damals noch nicht. Und der allerseits eingesetzte Warmleim aus tierischem Ausgangsmaterial musste auch gehegt und gepflegt werden. Heutzutage wäre es kein Problem, sog. Fischleim oder auch Hasenleim zu verwenden, denn diesen Leimen haben menschenfreundliche Chemiker den traditionell strengen Geruch abgewöhnt.
Zurück zum „Papp”. Ich zitiere Leo's Kalender, 1921, S. 158, 159. Viel Vergnügen!
»Eines der besten, wenn nicht das beste Klebmittel für Leder usw. ist der sogenannte Wiener- oder Schustrpapp, welcher in jeder Buchbinderartikelhandlung zu haben ist. Derselbe wird 5-6 Stunden in kaltem Wasser erweicht, sodann das übrige Wasser abgegossen und mit einem Stückchen Holz tüchtig verrührt, worauf er gebrauchsfähig ist.« Soweit die Version für den kapitalkräftigen Buchbinder. Nun folgt die Arbeitsanweisung für den sparsamen Selbstversorger:
»Man rührt Gerstenschrot mit heissem Wasser zu einem sehr dicken Brei an und fügt dann in immer kleineren Partien so lange heisses Wasser unter Umrühren hinzu, bis die Masse etwa auf 35-38 Grad Celsius erwärmt ist. Nach einigen Tagen beginnt die Gährung, wobei die Pappmasse ihre körnige Beschaffenheit allmählich verliert und eine gleichmäßige, bräunliche Masse bildet. Um den widerlichen Geruch, welcher sich bei der Gärung des Papps entwickelt, unschädlich zu machen, wird ein einfaches Mittel angegeben, das vortreffliche Dienste leistet.« 
Nun kürze ich ab und schildere mit eigenen Worten, wie der Behälter, in dem die Gährung stattfindet, mit einem speziellen Deckel versehen wird, in dem eine Ofenpfeife eingesetzt wird, welche mit dem Ofenrohr des Werkstattofens mit offener Befeuerung verbunden ist. So konnten trickreich die unsäglich stinkenden Gärungs- und „Faulgase von den „Feuerungsgasen fortgerissen werden”.
Schlussbemerkung von einem, der sich liebend gerne mit verflossener Technik und vergessenem Material befasst und daraus schon viele nützliche Anregungen für den Amateur destilliert hat. Mein alter Buchbindeguru, der hochbetagte Karl-Heins Krons, wurde noch in den später 30er Jahren als Praktikant einer ehedem sehr bekannten Buchbinderei in Köln einmal monatlich  mit den Lehrlingen in den Hof gescheucht. Dort warteten ein paar alten Bütten mit Kleister-/Leim-Wasser und eine alte Presse, um die angefallene Makulatur der Werkstatt zu „Pappe” zusammenzumatschen, äh, Verzeihung, zu pressen. Im Mittelalter und bis zur Erfindung der gegautschten oder gegossenen Pappe, nannte sich das, wissenschaftlich dokumentiert - „Steinpapier”. Heute wundert es mich nicht, dass beim Befeuchten manch alter Pappe dieser ein nervtötender Stank entweicht. Soviel für heute von einem zu Recht verschwundenen mytischen „Buchbinder-Klebstoff”.

Montag, 23. Dezember 2013

Vier Wünsche für 2014:



Für 2014 wünsche ich mir und allen meinen Freunden viel Licht, Farbe, Glück und Gesundheit.

All the best for 2014.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Hübsches kleines Büchlein …

… steht repariert und neu eingebunden im Regal. Das war/ist ein Buch für englische Schulen zum Thema Buchbinden: „A practical Course in Bookcrafts and Bookbinding” von John Mason, erschienen  1947 in Großbritannien. Ich habe es für kleines Geld auf ebay ersteigert. Der Buchblock, welcher ja schließlich wichtig, war bis auf eine weiche Stelle gut erhalten, weil auf Kunstdruckpapier gedruckt und wenig gebräunt. Dafür war die Decke irreparabel beschädigt, weil eine Ecke abgebrochen und verschwunden war. Ein weiterer Knick ging durch das Titelschildchen. Wie der da reingekommen war, k.A. Egal, mit dem mir eigenen Sinn für Humor habe ich diesen Knick visuell erhalten, da ich das Büchlein nicht zu verkaufen gedenke. Es bleibt also, in feines deutsches Buchbinderleinen gehüllt und verziert mit den Resten der originalen Titel- und Rückenprägungen im heimischen Bücherbord stehen.

Für Anfänger_innen und solche, die es noch werden wollen, bietet es eine didaktisch gut nachvollziehbare Reihe von „projects”, wie der neudeutsche Hobbyist zu sagen pflegt.

Schlussbemerkung: Ich hab's nicht verlernt, obwohl ich ziemlich genau 3 Monate - gesundheitsbedingt - kein Falzbein anfassen konnte. Die buchbinderlose, die schreckliche Zeit ist vorbei. Yavol!

Dienstag, 13. August 2013

Französischer Vokabeltrainer für Bibliophile

Heute postet H. in seinem Blog einen sehr amüsanten Beitrag aus der Welt der französischen Bibliophilie. Einige der Begriffe haben mir gut gefallen. Also habe ich mich von meiner aktuellen, mäßig begeisternden Brot-und-Butter-Schreiberei ablenken lassen. Ich habe mir erlaubt, den Beitrag ins Deutsche zu übertragen. Das hat mir viel Spaß gemacht. Was das alles mit dem Schnäuzer zu tun hat, das müssen Sie schon selbst herausfinden.

Link zum Original-Beitrag: http://bibliophilie.blogspot.fr
Link zum Facebook-Hinweis: https://www.facebook.com/BlogBibliophile?hc_location=stream


Vokabeltrainer für Bibliophile

Eigentümliche Ausdrücke und Manierismen aus der Welt der Bibliophilen, gesammelt von einem der ihren während einiger Fachvorträge. 

Mutig in alltägliches Deutsch transferiert von einem der auszog, die französische Buchkultur zu verstehen.

Moustache: 
(handgestochenes) Kapital, Kapitalband

Faire du cul: 
Dieser Begriff von René Dudin (Die Kunst des Buchbinders-Vergolders, 1772) beschreibt, was passiert, wenn ein Buch mit dem Beschneidhobel gegen den Rücken getrimmt wird. (Anm. pz: Ist mir passiert, sieht Sch***** aus!)

Faire de la pointe: 
Wenn der Buchbinder den Kopfschnitt übertrieben hat oder gar zuviel abgeschnitten hat. (Anm. pz: Sieht auch Sch**** aus.)

Livre truffé: 
Buch mit eingebundenen Originaldokumente ( z.B. Portraits, Zeichnungen, Grafiken, Briefe, etc.. ). Man erinnert sich unbedingt an den Begriff, wenn einem der Preis in der Nase sticht. 

Défouetter: 
Modernes Antiquariat, Edelramsch, wird oft direkt von der Palette verkauft. 

Dents de rat: 
Beschreibt Buchschmuck in der Form einer Folge von kleinen Dreiecken oder anderen kleinteiligen Mustern.

Lavron: 
Geschlossene Lage, die beim Beschneiden nicht getroffen wurde, oder auch Bezeichnung für zusammenklebende Seiten. 

Farci:
Der Begriff aus der Kodikologie beschreibt ein Manuskript, zwischen dessen Seiten ein Blatt mit einem fremden Text eingefügt wurde.

Biblioklepte: 
Bücherdieb.

Bibliocapèle: 
Aus dem griechischen ‚bibliokapelos’, Buchhandlung („Bücher en detail”).

Astéronyme:
Eine Reihe von Sternchen anstelle eines Namens wurden im 18. Jahrhundert verwendet, um einen Autor zu anonymisieren.

Caviarder:
Geschwärzte Textstellen, Zensur.

Bouquineur:
Bücherwurm, bookworm, lebt von und für (antiquarische) Bücher.

Dienstag, 2. Juli 2013

Über die Feinde des Buches

Dass ehrenwerte Buchbinder unter der Knute bestimmter Auftraggeber, gewissen manischen oder despotischen Büchersammlern, auch edelste Buchschätze mit Hilfe ihrer Beschneidhobel oder Blockschneider auftragsgemäß in größenvereinheitlichte Bibliotheksexemplare konvertierten, machte schon den alten William Blades wütend. In seinem Buch von 1905, The Enemies of Books, wird das sehr deutlich. Er listete die Feindes des Buches auf und beschrieb ihre Sünden wider das gebundene Buch: Feuer, Wasser, Gas und Heizung, Staub, Vernachlässigung, Ignoranz und Bigotterie, Ungeziefer, Buchbinder, Sammler, Dienstboten und Kinder. 
Ist das jetzt klar, Buchbinder!?
Deshalb war dieses kleine Avis-Zettelchen hier notwendig & nützlich. Ob es auch wirklich genutzt hat? Schaut sich unsereiner in Antiquariaten, Bibliotheken oder bei Online-Versteigerungen Exponate oder Lose an, ist starker Zweifel angesagt. Der aufmerksame Buchliebhaber versteht gelegentlich die Welt nicht mehr, angesichts seltener Inkunabilien, denen sogar der oberste Rand der Initialen weggehobelt worden ist; Motto: Passt schon! Manche der Raritäten sind im Bund so eingezogen, dass man sich die ersten Silben mancher Zeile selber ausdenken muss, lesen geht nicht. Dazu kommen nicht selten bis auf wenige Millimeter eingekürzte Ränder: einfach grauslich wie der Begriff „Beschnitt” gar zu wörtlich genommen wurde.  (Quelle: https://www.facebook.com/Reliureetcompagnie)

Montag, 1. Juli 2013

Neu in Buchbinders Werkzeugsammlung : Trindles



Trindles, homemade
Trindles, 3 mm stark, Selbstbau, weil nirgends zu kaufen. Nicht aus (Edel-)Holz, nicht aus Aluminium gemacht, das verwendete Material nennt sich Leinen-Micarta, schwarz, und wird von Messermachern gerne hier bestellt. Es ist nicht schön, aber nützlich, denn es lässt sich auch von einem mechanisch weniger begnadeten Menschen, wie ich einer bin, und auf füzzeligem Hobby-Equipment ordentlich bearbeiten.
Wozu der ehrenwerte Amateurbuchbinder die Dingerchen, die nur paarweise auftreten, braucht?
»Cutting in Boards« lernen, Beschneidhobel vorausgesetzt, mit den Trindles nimmt man zum Beschneiden des bereits in die Deckenpappen eingebundenen Buchblocks die Rundung raus.
Und so beschreibt der alte Cockerell einen Vorgang, der übrigens besser funktioniert als ursprünglich befürchtet: http://tinyurl.com/o8zktqj  Infos auch hier: http://www.ligatus.org.uk/glossary/node/2659