Dienstag, 11. September 2012

Untrennbar: Buchbinden & Buntpapier

Kleisterpapier von Tanja, Bucheinband und schiefes Foto von  mir


Bei meiner Buchbinde-Freundin Tanja Karipidis kommen zwei Komponenten zusammen, die mich mutig machen, ihre Arbeit, sprich ihr Produkt Buntpapier nach wie vor uneingeschränkt weiterzuempfehlen. Können und Erfahrung, das ist Komponente Nr. 1; Komponente Nr. 2 ist ihre nimmermüde Bereitschaft, auch über ihren Sprengel Erlangen hinaus, ihr Wissen und - so es geht - ihr Können weiterzugeben.
Leider ist es - nach Aussage von Tanja und nach meiner persönlichen Erfahrung - schwierig, Teilnehmer an Workshops zum Thema Kleisterpapier zu aktivieren. Liegt es an den Entfernungen, an den Kosten oder gar daran, dass „Kleisterpapier” eh ein jeder schon kann?  Oder liegt es daran, dass die Bereitschaft, Neues zu erlernen oder Gekonntes zu vertiefen, gar zu verfeinern, in unseren Breiten nicht sehr verbreitet ist?
Bisher war der hohe Norden von zwei in Hamburg ansässigen, wohlbekannten Buntpapiererinnen bestens versorgt; die Mitte und der Süden blieben überwiegend Diaspora.
Tanja Karipidis bietet nun für Buntpapier-Freundinnen und -Freunde oder solche, die es noch werden wollen, eine Reihe von Kursen an, die ich wärmstens empfehlen kann. Doch lesen Sie selbst:

=> Workshops 2012

22. und 23. September 2012
Buntpapier-Manufaktur
W335002
Sa 10–16 Uhr und So 10–16 Uhr
Altstädter Kirchenplatz 6, 91054 Erlangen
Anmeldung unter vhs-erlangen.de

3. und 4. November 2012
Buntpapier-Manufaktur
Workshop - Nr. 44.2012
Sa 10–18 Uhr und So 9–16 Uhr

Papiermühle Homburg, Gartenstraße 7, 97855 Homburg/Main
Anmeldeformular anfordern bei manufaktur@buntpapier.eu

10. und 11. November
Kleisterpapier – nach Herrnhuter Art bis modern
Workshop - Nr. 45.2012
Sa 10–18 Uhr und So 9–16 Uhr

Papiermühle Homburg, Gartenstraße 7, 97855 Homburg/Main
Anmeldeformular anfordern bei manufaktur@buntpapier.eu

=> Workshops 2013

12. Januar 2013
Kleisterpapier nach Herrnhuter Art
W335003
Sa 10–17.15 Uhr

Altstädter Kirchenplatz 6, 91054 Erlangen
Anmeldung unter vhs-erlangen.de

13. Januar 2013
Buntpapier frei gestalten
W335004
So 10–17.15 Uhr

Altstädter Kirchenplatz 6, 91054 Erlangen
Anmeldung unter vhs-erlangen.de

Wenn ich Ihr Interesse geweckt haben sollte, wenden Sie sich bitte direkt per eMail an die Erlanger Buntpapiermanufaktur (aka Tanja Karipidis)! Und wenn Sie schöne Blätter geschaffen haben, dann würde ich mich über ein Foto für mein Blog riesig freuen.

P.S.: Ich werd' mal das Ohr an die Schiene legen und versuchen herauszuhorchen, ob es sich nicht lohnen würde, 2013 im Rheinland, in Köln, ein schönes Kleisterpapierwochenende anzubieten.

Samstag, 11. August 2012

Buchbinden ohne Nadel und Faden : Historische Fundsache



Das Suchwort „lumbecken” wird im deutschen Sprachraum gerne synonym benutzt für Klebebindungen und bringt bei google ungefähr 8.890 Ergebnisse (in 0,22 Sekunden). Ohne den Sauerländer Emil Lumbeck gäbe es keine Taschenbücher und auch keine schnell eingebundenen Papierbündel. Herr Lumbeck war Buchhändler und ein begeisterter Büchersammler. Ihm haben wir zu verdanken, dass zartfließenden, edel duftenden Kunstharz-Klebern der Weg weltweit in die Grafische Industrie geebnet wurde. Nach eigenen Worten war ihm das Geknarrze der mit durchgetrockneten Knochen- oder Fischleim stabilisierten Buchrücken ein Graus. Und erst der Gestank beim Erhitzen und Verarbeiten, grauslich. Dann also Kaltleim auf Kunstharzbasis, welche Erleichterung. 
Aber, Freunde, erfunden hat der Herr Lumbeck das nadel- und fadenlose Heften von Papierbögen zu Büchern nicht. Wer wirklich und eigentlich der Schöpfer der peniblen Bindearbeit war, lässt sich nicht mehr dokumentieren. Diese Buchbindetechnik hat viele Mütter, Väter, Tanten und Onkel. Es gibt da divergierende Versionen in national unterschiedlichen Buchbinde-Schulen. Und nun entziffere ich in der digitalisierten Version eines Buches von 1834, erschienen in Ilmenau bei Bern. Friedr. Voigt, dass es schon in den bewegten Zeiten der Aufklärung ernsthafte Versuche gegeben haben muss. In diesem hunderte Seiten starken Werk ist alles zusammengefasst, was sich zum Thema Handwerk - im weitesten Sinne - seit den 50er und 60er Jahre des 18. Jahrhunderts darstellen ließ.
Der Titel lautet: Neuer Schauplatz der Künste und Handwerke. Mit Berücksichtigung der neuesten Erfindungen. Herausgegeben von einer Gesellschaft von Künstlern, Technologen und Professionisten. Mit vielen Abbildungen. Dr. H. (Heinrich) Leng, Lehrbuch der Gewerbskunde.
Auf Seite 341, unter der Rubrik Buchbinden, lese ich amüsierliches:
„Zu den neuern Erfindungen gehört das wohl nicht sehr zweckmäßige Einbinden ohne Nadel und Faden; der Rücken wird etwas tiefer als sonst eingesägt, mit dünnem Leimwasser getränkt, in jeden Einschnitt eine mit starkem Leim bestrichene Schnur gelegt und der Rücken nochmals mit dickem Leimwasser übergangen.” (Anm. pz: Mit Leimwasser meint der Autor Kleister, oder damals auch „Papp” genannt, der in verschiedenen Viskositäten zu unterschiedlichsten Arbeiten benutzt wurde.)
Wer sich für das Original-Werk interessiert, sollte googeln. Entweder beim google kostenlos & digital oder in Echt, dann aber antiquarisch-teuer. Viel Spaß!

Freitag, 10. August 2012

Buchschmuck

Was soll uns dieser blöde Schnörkelkohl?
‚Ich bin der BUCHSCHMUCK, Esel; wirst du wohl!’

Christian Morgenstern - Epigramme und Sprüche, S. 66. Vierte Auflage, 1920, R. Piper & Co. Verlag/München. Herausgegeben von Margareta Morgenstern.
Mit einem eingeklebten Lichtdruck als Frontispiz.
Buchdruck vom Blei. 168 (4) S. Marineblauer Pappband, Titel und Rücken Goldprägung, Beschnitt allseitig graublau gefärbt, Kapitalband. Deshalb innen bestens, Einband bestoßen und lichtrandig.
Ha! Das wird Buchbinders Nachtlektüre ( … und grausig gutzt der Golz”). Das Buch stammt aus dem Nachlass des Großvaters meiner Frau.

Sonntag, 29. Juli 2012

Buchbinders Lamento

Verworfener Bucheinband,Original-Muster, Abrieb auf Küchenkrepp


Wer von uns Liebhaberbuchbindern (die Damen sind nicht ausgeschlossen!) macht schon seine Flops öffentlich? Nein, eigentlich tu ich das auch nicht wirklich gerne. Aber vielleicht hilft's doch. Meine daraus resultierende Frage kommt zum Schluss. Hier also das große ”Lamento furioso.” Meine verstorbene Buchbinder-Freundin Inken und ich haben uns vor gut 12 Jahren bei einer bekannten, nein, bei einer berühmten schottischen Profi-Marmoriererin (mittlerweile auch verstorben) für VIEL Geld einen ordentlichen Packen Marmorpapier bestellt. Ich habe diese herrlichen Papiere schon häufig zum Kaschieren und auch als Vorsatz verwendet, ohne jeden Anlass zum Meckern. 
Also habe ich dem Sujet folgend in einer Lederrestekiste ein schönes, hell-gelbes Schafleder gefunden, das bestens mit dem mormorierten Trägerpapier harmonierte. Dazu kam dann der kühle, großflächige Grauton und ein paar minimale braune Ockerspuren, ich war begeistert. Wer's kennt, weiss, dass es nicht ganz einfach ist, Bekleidungsleder zu schärfen. Es ist mir gut gelungen, dank meinem Schärf-fix und einer neuen Klinge. Auch das Aufpappen des Rückens und der Ecken machte keine Probleme. 
Beim Ausrichten und Zuschneiden des Bezuges bemerkte ich dann (siehe weisser Schnipsel oben), dass das Papier abfärbte, was für mich eine völlig neue Erfahrung war, schließlich besitze ich Marmorpapier von mindestens einem Dutzend Marmorier-Werkstätten, teilweise noch länger (und sachgerecht!) gelagert als dieses hier. Und keines der anderen Papier färbt ab.
Ich habe also die Zuschnitte - wider besserwisserisches Bauchgrimmen - auf besten 2-mm-Buchbinderkarton (wie immer) kaschiert und war nach dem Abtrocknen entsetzt über das Ergebnis. Dann habe ich noch versucht, mit einem Hauch von Bienenwachs (damit habe ich bisher meine Erfahrungen gemacht) zu retten, was zu retten ich gedachte. Es wurde nur noch schlimmer. Wo die Flecken und die Streifen herkommen, k.A. Das ursprünglich schöne Grau ist verblasst und hat durch die Bienenwachspolitur auch noch das helle Gelb überdeckt, geradezu verdreckt. Wie intensiv das graue Pigment (?) abfärbt, lässt sich auch am Etikett ablesen, das ist ursprünglich handgeschöpft-hellgrau in den Tintendrucker gewandert. Egal: Die Decke muss neu, die ist Schrott. Weil jede Buchdecke doch auch ein Hinterteil hat, habe ich da mit einem Hauch von farblosem, mattem Akryllack den Rettungsversuch gestartet und habe ein ähnliches schlechtes Ergebnis erzielt wie mit den Bienchen.
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Meine abschließende Frage: Weiss jemand da draußen, ob man marmoriertes Papier evtl. nachträglich fixieren kann und, wenn ja, wie? 
Ach, ihr würdet mir eine Freude machen, denn was sollte ich sonst mit dem teueren Marmorpapier anstellen?

Freitag, 27. Juli 2012

Bücher reparieren: It's fun, you know …

Und wie der Mann Recht hat. Made my day, really. It's fun man, you know.

Samstag, 7. Juli 2012

Georg Stefan Troller: Mein Leben als Buchbinder

Wann steht schon mal was lesenswertes über das Buchbinden in einer ordentlichen Zeitung? Heute. In der Samstagsbeilage der FAZ „Bilder und Zeiten”, schreibt einer meiner Junged-Heroen, die Reporter-Legende Georg Stefan Troller, über sein Leben als Buchbinder. Mit Bild auf 2 Seiten. Wahnsinn. Schon eigentümlich, dass der Mann, der mit seinem „Pariser Journal”, um ein Beispiel zu nennen, absolute Qualität im Deutschen Fernsehen abgeliefert hat, in Wien Buchbinder gelernt hat. Nach eigenem Bekunden ist ihm davon die Liebe zum schön gebundenen Buch geblieben.
Leider kann ich nicht verlinken, der Beitrag steht noch nicht online. Aber vielleicht investieren Sie mal - zur Feier des heutigen Beitrages - ein bisschen Geld und kaufen sich die FAZ. Wann liest man schon einmal etwas authentisches (wenn auch nicht fehlerfreies) über unsere Leidenschaft vom Buchbinden?
Zitat Perlentaucher-Pressespiegel:
»Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2012

In Bilder und Zeiten schildert der Autor und Filmemacher Georg Stefan Troller seine Buchbinder-Ausbildung in Wien kurz nach dem Anschluss Österreichs ans Dritte Reich und wie die Leidenschaft für schöne Bücher sein Leben und Schaffen geprägt hat: "Ich liebte es, ich liebte das ganze selige Metier. Lebenslang bin ich nicht von schön gebundenen Büchern losgekommen, bis heute. Hatte sogar einst davon geträumt, nach meiner Pensionierung als Filmemacher wieder zur Buchbinderei zurückzukehren, vielleicht als Volontär bei einem Pariser 'Relieur'. Nur dass es eben kaum mehr kleine Pariser Relieurs gibt, nicht einmal im Quartier Latin, ihrem Stammsitz über Jahrhunderte."«

Mittwoch, 4. Juli 2012

Also, liebe Leute, es ist so: Die französische Sprache, mit Ausnahme der Textschnipsel auf Speisen- u. Weinkarten mittelpreisiger Restaurants, ist mir ein Rätsel. Aber die Bilder in diesem mächtigen Katalogband sprechen ihre eigene Sprache. Künstlerbücher, Bücher von Künstlern, und, wie das Ende des letzten Absatzes zeigt, sind es nicht die unbekannten, die dort vereint wurden. Darüber hinaus genießt die Dame Moeglin-Delcroix in Kunstkreisen einen Ruf wie Donnerhall. Auf-auf, machen Sie es wie ich, killen Sie Ihr Sparschwein und legen mutig 65 € auf die Theke des Buchhändlers Ihres Vertrauens. Wenn ich soweit bin, werde ich berichten. Dauert aber noch ein wenig. Hier eine  Verlagsinformation im Wortlaut.

Esthétique du livre d'artiste
Une introduction à l'art contemporain
Anne Mœglin-Delcroix

Cet ouvrage rend compte de la naissance et du développement du livre d'artiste aux États-Unis et en Europe en relation étroite avec les avant-gardes des années soixante et soixante-dix : poésie concrète et visuelle, Fluxus, Art minimal, Art conceptuel,
Arte povera, Art narratif, Land Art, art de la performance ou du happening, notamment. Parce qu'il est inséparable de l'émergence de ces formes inédites de la création qui vont constituer l'art dit « contemporain », le livre d'artiste est une excellente introduction à la compréhension de ses principaux enjeux comme à la diversité de ses manifestations.
Chaque chapitre aborde ainsi le livre d'artiste à la lumière d'un mouvement ou d'une orientation caractéristiques de l'art contemporain dont il éclaire en retour l'originalité. En ressort le statut paradoxal du livre, medium traditionnel mis au service d'une conception radicalement nouvelle de l'art. Ainsi cette Esthétique du livre d'artiste invite-t-elle autant à découvrir le livre comme forme artistique spécifique qu'à réfléchir à la possibilité d'une autre façon de faire de l'art.
Ce livre constitue la synthèse la plus large à ce jour de la production internationale. Depuis sa première édition en 1997, il s'est imposé en France et à l'étranger comme l'étude de référence sur le sujet. Pour cette nouvelle édition, le texte, mis à jour et augmenté, s'est enrichi de nombreuses reproductions.
Plus de sept cents livres y sont analysés, par près de quatre cents artistes dont les pionniers Ben, Robert Barry, Christian Boltanski, Marcel Broodthaers, Herman de Vries, Robert Filliou, Ian Hamilton Finlay, Allan Kaprow, Sol LeWitt, Richard Long, Maurizio Nannucci, Dieter Roth, Edward Ruscha, Daniel Spoerri, Wolf Vostell, ou Lawrence Weiner.