Wenn ein Text über früh-mittelalterliche Buchillustrationen, bebildert mit zahlreichen putzigen Holzschnitten der Zeit, so anfängt: „Die naive Sinnlichkeit des Auges ist dem Deutschen nicht gegeben, er muß sie sich immer erst erwerben. Er ist sachlich zu stark interessiert, um mit unbefangener Optik die Dinge in sich aufzunehmen.”, dann muss ich das lesen. Dann kann ich richtig was lernen oder mich köstlich amüsieren - oder gar beides.
Samstag, 15. Juni 2013
Freitag, 14. Juni 2013
Was kostete Buchbinden A.D. 1883 ?
Ein Kölner Antiquar bietet auf eBay den Band 1 der 15-bändigen Amsterdamer Gesamtausgabe, gedruckt 1682, des berühmten deutschsprachigen Mystikers Jacob Böhme an. Nur Band 1 ? Ja, und der professionellen Beschreibung des raren Bändchens entnimmt der sensible Leser, mit welch ehrlichem Bedauern Antiquar Stöger die restlichen Bände vermisst. Das kann ich nachvollziehen, denn ich weiss zufällig, wie teuer Böhme-Reprints gehandelt werden, so sie denn überhaupt einmal angeboten werden.
Das Buch ist keine Schönheit (mehr), es scheint vielgelesen zu sein. Interessanter ist das beigebundene Vorsatzblatt des Käufers von 1883, der mit allerbesten Absichten die komplette Originalausgabe neu hat einbinden lassen: „Gegenw[ärtiges] theosophisches Werk Jak. Böhme ist im Jahre 1883 v. der antiquarischen Buchhandlung in Tübingen angekauft worden. Dasselbe bestund damals in 5 Bänden. Im Jahre 1890 hat man dasselbe nach all seinen einzelnen Theilen wie solche der sel. Böhme geschrieben, und zwar der schnellen Auffindung und des bequemen Gebrauchs halber in 29 Bd. binden lassen, deren Kosten sich auf 18 M. belaufen. Gesamtkosten des Werks 61 M. Gebe Gott, daß dieses unschätzbare Werk nicht in unberufene Hände gelange. Anno 1890”
Der fromme Wunsch ist leider nicht in Erfüllung gegangen, denn die restlichen 28 Halbleinenbände sind verschollen. Aber nun wissen wir aus authentischer Quelle, was die Bindearbeit damals gekostet hat. Das ist schließlich auch mal eine interessante Information. Wenn Sie mitbieten wollen, drücke ich Ihnen die Daumen: http://tinyurl.com/mhfk8we
Das Buch ist keine Schönheit (mehr), es scheint vielgelesen zu sein. Interessanter ist das beigebundene Vorsatzblatt des Käufers von 1883, der mit allerbesten Absichten die komplette Originalausgabe neu hat einbinden lassen: „Gegenw[ärtiges] theosophisches Werk Jak. Böhme ist im Jahre 1883 v. der antiquarischen Buchhandlung in Tübingen angekauft worden. Dasselbe bestund damals in 5 Bänden. Im Jahre 1890 hat man dasselbe nach all seinen einzelnen Theilen wie solche der sel. Böhme geschrieben, und zwar der schnellen Auffindung und des bequemen Gebrauchs halber in 29 Bd. binden lassen, deren Kosten sich auf 18 M. belaufen. Gesamtkosten des Werks 61 M. Gebe Gott, daß dieses unschätzbare Werk nicht in unberufene Hände gelange. Anno 1890”
Der fromme Wunsch ist leider nicht in Erfüllung gegangen, denn die restlichen 28 Halbleinenbände sind verschollen. Aber nun wissen wir aus authentischer Quelle, was die Bindearbeit damals gekostet hat. Das ist schließlich auch mal eine interessante Information. Wenn Sie mitbieten wollen, drücke ich Ihnen die Daumen: http://tinyurl.com/mhfk8we
Freitag, 31. Mai 2013
Vom Buntpapier. Ein grenzüberschreitendes Archiv in vier Bänden
Vor einigen Jahren las ich in der Süddeutschen Zeitung einen Text über die Wiedergeburt des „totgeglaubten Archivs” mit dem Tenor, dass in den digitalen Zeiten zahlreiche Liebhaber und Kenner des gesammelten Wissens hervorragende Mittel entdecken oder entwickeln, um ihr Wissen zu sammeln, ihre Sammlungen abzubilden und, noch wichtiger, über alle Grenzen hinweg zugänglich zu machen.

Das Zitat „Wissen gleichzeitig sammeln, ordnen und zugänglich machen […]” der Wissenschaftshistorikerin Anke Te Heesen habe ich mir mutig zum eigenen Leitgedanken für mein ganz persönliches „Suchen und Sammeln” gemacht. Das galt für meine letzten Berufsjahre, in denen es mir gelungen war, aus ignorierten, unsortierten historischen Memorabilien einer Unternehmerfamilie eine Menge allgemein verfügbares Wissen zu einem einstmals führenden mittelständischen Unternehmen zu generieren. Gleiches gilt auch für meine Leidenschaft, die Buchbinderei, verbunden mit meiner Charaktereigenschaft, nicht in Demut zu verharren, wenn lauthals von oben verkündet wird, dass dies und jenes schon immer so gemacht worden wäre. Die vielen damit verbundenen ‚und damit basta’ haben mich nur noch mehr dazu angespornt, weiterzusuchen, weiter zu suchen, zu fragen, zu lernen.

Das Zitat „Wissen gleichzeitig sammeln, ordnen und zugänglich machen […]” der Wissenschaftshistorikerin Anke Te Heesen habe ich mir mutig zum eigenen Leitgedanken für mein ganz persönliches „Suchen und Sammeln” gemacht. Das galt für meine letzten Berufsjahre, in denen es mir gelungen war, aus ignorierten, unsortierten historischen Memorabilien einer Unternehmerfamilie eine Menge allgemein verfügbares Wissen zu einem einstmals führenden mittelständischen Unternehmen zu generieren. Gleiches gilt auch für meine Leidenschaft, die Buchbinderei, verbunden mit meiner Charaktereigenschaft, nicht in Demut zu verharren, wenn lauthals von oben verkündet wird, dass dies und jenes schon immer so gemacht worden wäre. Die vielen damit verbundenen ‚und damit basta’ haben mich nur noch mehr dazu angespornt, weiterzusuchen, weiter zu suchen, zu fragen, zu lernen.
So erging es mir auch, als ich mich im vergangenen Jahr auf ein Buchbinde-Seminar eines amerikanischen Buchrestaurators und Buchbinders als Lehrbeauftragter einer englischen Stiftung in einem italienischen Priesterseminar vorbereitete. Ich lernte also eine feine Buchbindetechnik fern moderner Maschinen aus französischer, vorrevolutionärer Zeit (Zitat deutscher Buchbinder-Meister-Mensch: „ … ah, sowas wie Franzband, nur primitiver …”). Sehr vorlaut und ignorant war das, fand ich, und habe mich also mit der Zeit der Aufklärung in Frankreich und Deutschland intensiv beschäftigt. Die verschiedenen Bibliografien, die mir ans Herz gelegt wurden und die Früchte meiner weiteren Suche füllen Ordner, analoger und digitaler Art.
Ein Thema, dem weniger Beachtung in der Welt der Buchbinde-Historiker geschenkt wurde, war das „Buntpapier”, wobei allseits Konsens bestand, und der hieß halt „Marmorpapier” und „Kleisterpapier”. In deren Schatten ignorierten wir alle viel sehr viel weiter verbreitete, kunsthandwerklich bearbeitete Papiere: dominotés, Modeldrucke, Firnispapiere, Brokatpapiere aus Deutschland, Italien und Frankreich. Besonders im 18. Jahrhundert brillierten die handwerklichen Kunstwerke durch „erstaunliche Leuchtkraft” und beeindrucken uns noch heute, weil sie „voll wilder Schönheit” sind (Marc Kopylov), selbst in schummerigster Schonbeleuchtung in der Bibliotheque Mazarine.
In einem kleinen, hochspezialisierten Pariser Verlag (Édition des Cendres), den Marc und Christiane F. Kopylov im Schatten des Pére Lachaise betreiben, erschienen vier veritable, erstklassig edierte, meisterhaft reproduzierte „Archive”, wunderschöne Bücher zu den mitteleuropäischen Buntpapieren des 17. - 19. Jahrhunderts mit über 1.000 Abbildungen. Bereits 2010 erschien das Buch „Papier dominotés” von André Jammes, illustriert mit Beispielen seiner Privatsammlung. In diesem Jahr kamen die entsprechenden Bände zu Frankreich, Italien und Deutschland auf den Markt. (Alle Bilder: © Édition des Cendrés)
Marc Kopylov
— Papiers dominotés français ou l'art de revêtir d’éphémères couvertures colorées
livres & brochures entre 1750 et 1820
25 x 25 cm, farbiger Einband, 240 farbige Abb., 448 Seiten / ISBN 978-2-86742-207-2
Limitierte Auflage von 999 Ex. 130 €
Limitierte Auflage von 999 Ex. 130 €
— Papiers dominotés italiens. Un univers de couleurs, de fantaisie et d’invention (1750-1850)
25 x 25 cm / farbiger Einband, 280 farbige Abb., 408 Seiten / ISBN 978-2-86742-208-9
Limitierte Auflage von 999 Ex. 130 €
Limitierte Auflage von 999 Ex. 130 €
Christiane F. Kopylov
— Papiers dorés d'allemagne au siècle des lumières (1680-1830)
25 x 25 cm / farbiger Einband, 240 farbige Abb., 448 Seiten / ISBN 978-2-86742-208-6
Limitierte Auflage von 999 Ex. 130 €
Limitierte Auflage von 999 Ex. 130 €
Es besteht die Möglichkeit, diese drei Bände in einem Schuber gesammelt zu erwerben.
André Jammes
— Papiers dominotés. Trait d’union entre l’imagerie populaire et les papiers peints (France 1750-1820
25 x 25 cm, farbiger Einband, 350 farbige Abb., 564 Seiten / ISBN: 2-86742-176-1 ; 2010 ;
Limitierte Auflage von 999 Ex. (nahezu vergriffen), 180 €.
⇣ Wie auch immer Sie sich entscheiden, bitte direkt an den Verlag wenden:
Éditions des Cendrés
Adresse: 8 Rue des Cendriers, 75020 Paris, Frankreich
Telefon:+33 1 43 49 31 80
Adresse: 8 Rue des Cendriers, 75020 Paris, Frankreich
Telefon:+33 1 43 49 31 80
Dienstag, 30. April 2013
Buchbindermesse 2013 in Köln …
… Porz! Wie bitte? Weg von Köln-Humboldt-Gremberg? Ja, heute fand ich per Zufall den ersten Hinweis der Veranstalterin darauf, dass die deutsche Buchbindermesse umziehen wird. Nach 13 Jahren, in denen diese einzigartige Veranstaltung in der „palette”, einem Betrieb der GWK, eine Heimat fand, umziehen wird. Unter Freunden wurde schon länger über mögliche Veränderungen gemurmelt, die den aktuellen Umwälzungen innerhalb der GWK geschuldet sind.
Also, für Ihren Terminkalender:
=> Buchbindermesse Köln, Sonntag, 27. Oktober 2013, in Köln-Porz, Oberstrasse 96, 51149 Köln (Porz-Westhoven). Das ist einfach zu finden und alles ist vorhanden, was der emsige Buntpapierraffer zur Erholung braucht. Wir sehen uns. Ich freue mich schon, obwohl mich der Verlust der alten „location palette” schmerzt.
Also, für Ihren Terminkalender:
=> Buchbindermesse Köln, Sonntag, 27. Oktober 2013, in Köln-Porz, Oberstrasse 96, 51149 Köln (Porz-Westhoven). Das ist einfach zu finden und alles ist vorhanden, was der emsige Buntpapierraffer zur Erholung braucht. Wir sehen uns. Ich freue mich schon, obwohl mich der Verlust der alten „location palette” schmerzt.
Dienstag, 9. April 2013
papiers dominotés — Buntpapier
Liebe Leser_Innen:
In der offiziellen Ankündigung der Ausstellung, die ich Ende Mai in Paris (Bibliotheque Mazarine) besuchen werde, lese ich folgendes: »À la croisée de l’imagerie populaire et des papiers de tenture, un foisonnant univers graphique a vu le jour dans les ateliers des cartiers, dominotiers et graveurs d’images entre 1700 et 1850.« Ich ‚verstehe’ den Sinn (bin net deppert), OBWOHL ich den Text durch das subgeniale Übersetzungsprogramm von google laufen ließ: »An der Kreuzung der populären Bildern und Tapeten wurde ein reich grafischen Universums in den Werkstätten von Cartier, dominotiers Bilder und Schriftsteller zwischen 1700 und 1850 erstellt.” Ach, Herrjeh! Wenn es ja nicht so traurig wäre, könnt ich mich weglachen.
Neugierig geworden ob der Tatsache, dass ein ‚modernes’ Übersetzungsvokabularium keinen deutschen Begriff für ‚dominotiers’ oder ‚papiers dominotiers’ besitzt, wollte ich mehr wissen. Meine verstorbene Frau, eine studierte Romanistin, hat mir einen mitgenommenen Sachs-Villatte von 1917 hinterlassen. Darin finde ich „dominoterie” – 1. Verfertigung bunten, türkischen (d. i. mormoriertes) Papiers. 2. Bilderbogen, Handel mit Bilderbogen.
Und dann: „dominotier” – 1. Fabrikant und Händler von Bilderbogen oder Dominospielen. 2. wilder Pflaumenbaum. Was mich darüber phantasieren lässt, wie wild wachsende Pflaumenbäume zu Dominosteinchen oder Druckvorlagen verarbeitet wurden.
Und das ganze stammt von dem schönen Wort „domino” (dominus/Herr) ab. Ich zitiere: 1. Kostüm für Kostümball, 2. Person mit Maske (daselbst), 3. Dominospiel, 4. Dominostein, 5. mormoriertes, türkisches Papier, 6. Winterchormäntelchen der Geistlichen.
Und was ist mit „cartier”? Da wirft der Google nur den Jubellier und Schanduhrenmachen für Millionäre aus. Der olle Sachs-Villatte ist da besser: „Cartier” – 1. (Spiel)Kartenmacher, 2. Kartenhändler, 3. Einwickelpapier (der Spielkarten).
Und nun noch „graveur”, dessen Bedeutung ist mir - schon aus rein beruflichen und buchliebhaberischen Gründen klar. Warum der mit „Schriftsteller” übersetzt wird, jedoch nicht. Hätte wenigstens, der Ehre wegen, ‚Schriftstecher’ da gestanden. Doch Sachs-Villatte vergisst keinen: „graveur” – 1. Stecher, Graveur. Und mit verschiedenen, präzisierenden Zusätzen kommen dann übersetzt: „Stahlstecher, Holzschneider, Petschaftsstecher, Münzstempelschneider, Stempelschneider, Kupferstecher, Radierer, Notenstecher”. Auf die Ausstellung in Paris mit den zahlreichen, bis heute nicht öffentlich zugänglichen Musterpapieren freu ich mich schon heute und erhoffe mir einiges an neuem Wissen zum „Kulturgut Buntpapier”.
Nachtrag: Ein französischer Sammler hat seine Kostbarkeiten fotografiert und auf picasa online-gestellt.
Freitag, 5. April 2013
Buntpapier, grenzüberschreitend
Buntpapier, darunter verstehe ich kunsthandwerklich oder industriell gefertigte Papiere, die zum Kaschieren, zum Beziehen von Buchdeckeln, Schachteln oder gar Möbelinnereien genutzt wurden. Buntpapier konnte in alten Büchern als Vor- und Nachsatz in voller Pracht und Herrlichkeit überleben, weil der Buchbinder seine Arbeit präzise und fachgerecht erledigt hat. Als Vorsätze alter Bücher haben die anonymen, schön gestalteten oder aufwändigen, goldglänzenden Papierschätze überlebt. In vielen antiken Schränken wurden sie, wenn verschlissen oder zeitgeistig überholt, durch neue Papiere ersetzt. Auch in einigen Archiven können Muster besichtig werden.
Die verfügbare Literatur, wissenschaftliche Textsammlungen ausgenommen, ist begrenzt und, abgesehen vom Text, langweilt oft wegen der Schwarz-weiß-Abbildungen. Mich erfreute im vergangenen Jahr eine kleine, feine Ausstellung in Würzburg mit wenigen, aber schönen Beispielen alter Buntpapiere. Die meisten stammten von der verflossenen, ehedem berühmten Aschaffenburger Buntpapierfabrik (Dessauer); aber Katalog – Fehlanzeige.
Dass jenseits der Grenzen ‚auch’ Buntpapiere hergestellt wurden, wird klar, wenn man sich die Angebote im Buchbinderbedarf oder Papierladen anschaut. Japan ist stark vertreten und Italien, ein bisschen noch aus Deutschland und England. In Italien und Japan werden teilweise zwei- bis dreihundert Jahre alte Dessins nachgedruckt und durch viele blümelige und kitschige Neu-Dessins erweitert. Manches Design ist wirklich gut und anwendbar, manches führt geradewegs zur Erblindung.
Doch so gut wie niemand legt die alten Traditionsmuster in Deutschland auf. Das ist zum Teil nachvollziehbar, weil mit hohen Kosten verbunden. Leider hat sich in deutschsprachigen Verlegerkreisen noch nicht herumgesprochen, dass es Digitaldruck gibt, durch den die immensen Kosten für Druckvorlagen etc. entfallen. Mit einem guten Scanner können allerbeste Farbreproduktionen erarbeitet werden. Deren Vervielfältigung (bis DIN A 3) liegt dann im Cent-Bereich pro Seite.
Die wenigen, rührigen Buntpapiererinnen, die wir von den Buchbinde- und Papierbörsen her kennen, geben sich viel Mühe, wenigstens einige der traditionellen Muster in mühevoller Handarbeit zu revitalisieren und anzubieten.
Als regelmäßiger, zielorientierter Facebook-User beziehe ich eine Menge schöner Anregungen und Abbildungen aus mehreren globalen Kontakten, u.a. auch mit einem französischen ‚Bibliomanen’. So kam ich jüngst zu dem Hinweis auf eine Ausstellung von antiken Buntpapieren in Paris. Sie findet noch bis zum 7. Juni d. J. in der Bibliotheque Mazarine statt. Parallel zur Ausstellung erschienen 3 (drei) herrlich illustierte Bücher in einem Pariser Spezialverlag, je eines für Frankreich, Italien und Deutschland (alle in limitierte Auflage, bestem Druck, fundiertem Text).
Eine der Buchautorinnen, Christiane F. Kopylov, schrieb mir, die Eröffnungsveranstaltung und die Besucherzahlen hätten die Erwartungen der Austellungsmacher und des Verlages übertroffen, trotz der Tatsache, dass dies die erste Buntpapier-Ausstellung in Frankreich sei. Das Interesse am Kulturgut Buntpapier scheint erwacht und die Zahl seiner Liebhaber_innen immer größer. Es gibt noch viel zu entdecken - jenseits der Grenzen. Und das ist gut so.
Die verfügbare Literatur, wissenschaftliche Textsammlungen ausgenommen, ist begrenzt und, abgesehen vom Text, langweilt oft wegen der Schwarz-weiß-Abbildungen. Mich erfreute im vergangenen Jahr eine kleine, feine Ausstellung in Würzburg mit wenigen, aber schönen Beispielen alter Buntpapiere. Die meisten stammten von der verflossenen, ehedem berühmten Aschaffenburger Buntpapierfabrik (Dessauer); aber Katalog – Fehlanzeige.
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| Quelle für die Abbildungen: Éditions des Cendres, Paris |
Doch so gut wie niemand legt die alten Traditionsmuster in Deutschland auf. Das ist zum Teil nachvollziehbar, weil mit hohen Kosten verbunden. Leider hat sich in deutschsprachigen Verlegerkreisen noch nicht herumgesprochen, dass es Digitaldruck gibt, durch den die immensen Kosten für Druckvorlagen etc. entfallen. Mit einem guten Scanner können allerbeste Farbreproduktionen erarbeitet werden. Deren Vervielfältigung (bis DIN A 3) liegt dann im Cent-Bereich pro Seite.
Die wenigen, rührigen Buntpapiererinnen, die wir von den Buchbinde- und Papierbörsen her kennen, geben sich viel Mühe, wenigstens einige der traditionellen Muster in mühevoller Handarbeit zu revitalisieren und anzubieten.
Als regelmäßiger, zielorientierter Facebook-User beziehe ich eine Menge schöner Anregungen und Abbildungen aus mehreren globalen Kontakten, u.a. auch mit einem französischen ‚Bibliomanen’. So kam ich jüngst zu dem Hinweis auf eine Ausstellung von antiken Buntpapieren in Paris. Sie findet noch bis zum 7. Juni d. J. in der Bibliotheque Mazarine statt. Parallel zur Ausstellung erschienen 3 (drei) herrlich illustierte Bücher in einem Pariser Spezialverlag, je eines für Frankreich, Italien und Deutschland (alle in limitierte Auflage, bestem Druck, fundiertem Text).
Eine der Buchautorinnen, Christiane F. Kopylov, schrieb mir, die Eröffnungsveranstaltung und die Besucherzahlen hätten die Erwartungen der Austellungsmacher und des Verlages übertroffen, trotz der Tatsache, dass dies die erste Buntpapier-Ausstellung in Frankreich sei. Das Interesse am Kulturgut Buntpapier scheint erwacht und die Zahl seiner Liebhaber_innen immer größer. Es gibt noch viel zu entdecken - jenseits der Grenzen. Und das ist gut so.
Mittwoch, 20. März 2013
Frontispiz, das
»Geneigter Leser, Du bist, so nehme ich an, erpicht darauf, zu erfahren, welche Komödiantenmaske, welcher Possenreißer hier so vorwitzig auf allgemeine Schaubühne und unter die Augen der Welt drängt, indem er sich eines anderen Mannes Namen aneignet; woher er kommt, weshalb er es tut, was er vorzubringen hat …«
Jetzt spinnt er total, haben Sie gedacht. Stimmts? Tu ich aber nicht, ich habe lediglich einen der (elenden) Skribenten zitiert, der wg. des für seine Zeit brisanten Buches, das er schrieb, im frühen 17. Jahrhundert unter Pseudonym (Democritus Junior) zu Oxford publizieren musste, weil ihn sonst die Obrigkeit malträtiert hätte. Die zitierten Worte stammen von Robert Burton, das weiss man heute, und lassen sich im Vorwort zu seinem famosen, heute vergnüglich zu lesenden „Die Anatomie der Melancholie” finden.
Und jetzt zur Überschrift, geneigter Leser. Dem Vorwort gegenüber finde ich ein zweites Frontispiz mit einem sehr schön übersetzten trivialen Gedicht, das gleich kommt. Vorher muss ich noch das rekapitulieren, was ich gestern 2 jungen, rein digital aufgewachsenen Damen erklärte, die sich im Buchgewerbe so gar nicht auskannten. Sie wiegten gedankenschwer ihre wohlfrisierten Köpfchen, da sie hinter dem Wort Frontispiz eine zweideutige Bedeutung witterten. Also hier noch mal zum nachgrübeln, meine Damen: Das Frontispiz ist meist eine Illustration, die sich auf der zweiten, dem Titelblatt (Seite 3) gegenüberliegenden Seite befindet und in älteren Büchern absolut Standard war. Das Frontispiz ist in der Regel auf die Rückseite des Schmutztitels (Seite 1) gedruckt. Heutzutage wird diese schöne Tradition nur noch selten genutzt, meist sind es querköpfige Buchgestalter, die sich da austoben dürfen. Früher waren es hauptsächlich Autorenportraits in schnieken Rahmen, die abgebildet wurden. (Quelle: wikipedia, adaptiert und gekürzt). Und jetzt das versprochene Gedichtchen:
Jetzt spinnt er total, haben Sie gedacht. Stimmts? Tu ich aber nicht, ich habe lediglich einen der (elenden) Skribenten zitiert, der wg. des für seine Zeit brisanten Buches, das er schrieb, im frühen 17. Jahrhundert unter Pseudonym (Democritus Junior) zu Oxford publizieren musste, weil ihn sonst die Obrigkeit malträtiert hätte. Die zitierten Worte stammen von Robert Burton, das weiss man heute, und lassen sich im Vorwort zu seinem famosen, heute vergnüglich zu lesenden „Die Anatomie der Melancholie” finden.
Und jetzt zur Überschrift, geneigter Leser. Dem Vorwort gegenüber finde ich ein zweites Frontispiz mit einem sehr schön übersetzten trivialen Gedicht, das gleich kommt. Vorher muss ich noch das rekapitulieren, was ich gestern 2 jungen, rein digital aufgewachsenen Damen erklärte, die sich im Buchgewerbe so gar nicht auskannten. Sie wiegten gedankenschwer ihre wohlfrisierten Köpfchen, da sie hinter dem Wort Frontispiz eine zweideutige Bedeutung witterten. Also hier noch mal zum nachgrübeln, meine Damen: Das Frontispiz ist meist eine Illustration, die sich auf der zweiten, dem Titelblatt (Seite 3) gegenüberliegenden Seite befindet und in älteren Büchern absolut Standard war. Das Frontispiz ist in der Regel auf die Rückseite des Schmutztitels (Seite 1) gedruckt. Heutzutage wird diese schöne Tradition nur noch selten genutzt, meist sind es querköpfige Buchgestalter, die sich da austoben dürfen. Früher waren es hauptsächlich Autorenportraits in schnieken Rahmen, die abgebildet wurden. (Quelle: wikipedia, adaptiert und gekürzt). Und jetzt das versprochene Gedichtchen:
Hier war ein kleines Plätzchen frei:
Jetzt trägts des Autors Konterfei.
Sein Geist entging dem Zeichenstift:
Ihn triebs nicht (wies sonst üblich ist)
Hierher – wenn Ihr es wissen müßt –
Nur Eitelkeit und dummer Stolz:
Der Drucker hat es so gewollt.
Dazu sage ich nur: Das ist Weltverzweiflung mit Humor, oder?
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