Donnerstag, 6. Oktober 2011

Buchbinden, transatlantisch: With a little help from my friends …

Gefragt, warum ich mich so gerne in der amerikanisch durchgeformten, von dem immer online seienden Initiator Peter Verheyen meisterlich am Leben erhaltenen Liste BOOK_ARTS-L@LISTSERV.SYR.EDU  tummle? Darum: Ich liebe die ebenso unprätentiöse wie zielorientierte, sofort verwertbare Art und Weise, wie ‚drüben’ globale, fachliche Kommunikation betrieben wird.

Ein ehrenwertes Mitglied der Liste frug aktuell nach „Tiny Bone Folders”. Eine Antwort, aus Australien übrigens, lautet:

»Two solutions:

1 Carve your own from flat bamboo chopsticks. I give them a rub with silicon hand cream. The long ones are good for working on a hollow spine.

2. Eat hot cakes for breakfast at MacDonalds and keep the plastic knife. The knives are great for small tasks and when they get a bit sad, throw them away and eat some more hot cakes.»

Das wollte ich mal dargestellt haben: Es gibt ein Wissen jenseits aller Prüfungsordnungen und auch solches, das nicht wirklich unter das so gerne herausgetrötete „mein Betriebsgeheimnis” fällt. Weitere Beispiele für tätige Kollegenhilfen können gerne in der Liste nachgelesen werden. Fast-Food hat dann wohl doch einen Benefit, finden Sie nicht auch? :-D

Dienstag, 4. Oktober 2011

Einladung zur Buchbindermesse in Köln am 23. 10. 2011



Einladung
Gemeinnützige Werkstätten Köln GmbH
Fachmesse und Treffpunkt für Hand-Buchbinder, Restauratoren,
Papier- und Schriftkünstler und alle andere Interessenten

Buchbinder-Messe Köln 2011
Sonntag, 23. Oktober 2011
11:00 – 17:00 Uhr
Werkstatt Palette - Lüderichstraße 8
51105 Köln (Gremberg)
Eintritt:  Erwachsene 2,50 €, Kinder 1,00 €

Buntpapiere I Gewebe I Buchbinde-Leder I Pergamente I 
Werkzeug I Geräte | Zubehör I Kalligrafiebedarf I 
Information I Präsentation I Demonstration



Freitag, 23. September 2011

Das „Jörg-Czischke-Handbuch” hat eine sichere Hülle erhalten





Einen klassisch-schlichten Archivkasten zu bauen war mir ein wenig zu wenig, also habe ich einen hochroten Bezug gewählt und den Kasten innen mit schwarzem Büttenpapier ausgefüttert. Die kleine Klappe rechts innen, trennt das „Hand-Buch”, das oben auf liegt, von den dazu zugehörigen aber nicht mehr korrekt einzusortierenden losen Archivalien. „Handbuch” haben wir das Objekt  genannt, weil der Czischke den Teil einer seiner Skulpturen auf den Deckel montiert hat.
Im scharfen Sonnenlicht wirkt das Teil noch dramatischer als schon im desolaten Urzustand. Irgendwie assoziiere ich in die Richtung „Geheimarchiv”, was aber auch daran liegen könnte, dass ich momentan Sebald lese.
Buchbinders Anmerkung: Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, warum die meisten der Archivkästen mit Naturleinen oder mit Wachstuch (Buckram?) bezogen sind. Mir ist jetzt klar, dass mein hochfeines Buchleinen sehr empfindlich ist, was Abrieb etc. anlangt. Es ist also nicht geeignet, wenn - z.B. so ein Kasten - öfter auf einer rauhen Fläche hin- und her geschoben wird.

Sonntag, 14. August 2011

Rohbau steht

Als mein Freund Jörg Czischke vor einigen Jahren starb, hinterließ er ein beeindruckendes Oeuvre, Bilder, Zeichnungen, Buchobjekte, Skulpturen und Konzepte und einige wenige Archivalien, darunter   ein „Handbuch”. Darin hatte er alltägliche Gedanken ebenso wie technische und persönliche Daten, Informationen und Hinweise für seine Frau Margarethe notiert, Fundorte für seine Collagen usw. Für Kenner und Liebhaber seiner Arbeiten sind auch die teils winzigen Skizzen, manche in Farbe, wichtige Fingerzeige in sein Werk und in verschiedene Schaffensphasen.
In der Gruppe, die sich mit der Öffentlichmachung seines Werkes beschäftigt, wurde der Wunsch geäußert, Jörgs Handbuch zu restaurieren und die darin enthaltenen Informationen in Werkverzeichnis einfließen zu lassen.
Das Restaurieren habe ich übernommen. Ich fand ein nahezu aus den Fugen gegangenes chinesisches Notizbuch vor, das mit unterschiedlichen Applikationen verziert worden war. Das bemerkenswerteste Attribut war eine 3-dimensionale Hand, sprich ein gefüllter Textilhandschuh, überzogen mit einem Kunststoff (?) und einer Hartwachs-Schicht. Ein Buch mit einer solchen „Titelseite” lässt sich nur mühsam „einpressen”, um die Leimung der neuen Vor- und Nachsätze ans Halten zu bringen.
Heute habe ich den Rohbau für die Archivschachtel fertiggestellt, die ich bald, wenn ich das dafür  nötige seelische Gleichgewicht erreicht habe, mit Regent-Leinen beziehen und mit Gmundener Hanfpapier auskleiden werde. Weil ein Rohbau schon einigermaßen wichtig ist, hier vorab Bilder von der Hand und vom rohen Kasten. Der Zwischenboden im rechte Teil, der das Handbuch aufnimmt, ist mit einer Klappe versehen, damit die lose beigelegten Zettelchen einen würdigen Platz finden und ohne großes Gefummel entnommen werden können.




Ein paar wenige Infos zu Jörg Czischke hier http://art-ist-joerg-czischke.posterous.com/
Eine umfassende Online-Darstellung ist in Arbeit und kommt bald. 

Montag, 11. Juli 2011

„Kleinigkeit zu reparieren”

Einer meiner Freunde hat sich als Buchsammler auf die Kunst der 60er/70er Jahre kapriziert. Er geht mit seinen Büchern immer sehr sorgfältig um, so dass sich seine Anfragen, ob ich ihm nicht mal - aus alter Freundschaft, versteht sich - ein beschädigtes Buch reparieren könnte, schließlich sei ich ja der Buchreparatur liebevoll zugetan … usw. usw. im engen Rahmen halten.
Neulich schleppte er ein, natürlich, seltenes, signiertes, datiertes, nummeriertes, aber nicht paginiertes Werk von Richard Tuttle an. 91,3 cm breit und 30,5 cm hoch. Der ca. 1,5 cm dicke Buchblock wurde auf einem Papier gedruckt, welches unsereinem die Haare hochstehen lässt: Zeitungsrotationspapier, GSD in der richtigen Laufrichtung. Der ursprüngliche buchbinderische Aufwand hielt sich in Grenzen. Die Rückenbindung bestand aus einem dünnen Streiflein Heissleim und einem selbstklebenden Leinenklebeband, das die beiden 3mm-Graupappen zusammenhielt. Es ist mir bis heute nicht klar, durch welche Heissklebemaschine man ein über 90 cm breites Buch schicken kann.
Egal, den ollen Heißleim habe ich rückstandslos entfernen können und durch eine Lumbeck-Leimung ersetzt. Auch das Wiedereinsetzen in die originale Selbstklebeleinen-3-mm-Pappen-Deckenkonstruktion mit ihrer schönen Gestaltung durch den Künstler ist gelungen. Mit ein bisschen Improvisation und ein paar Leimzwingen aus dem Baumarkt steht das Monsterbuch auf seiner Leimfuge und trocknet nun still und starr, mindestens 8 Stunden.

  
91,3 cm Richard Tuttle müssen noch trocknen

91,3 cm Richard Tuttle sind getrocknet
und von allen Hilfs-Hilfsmitteln befreit

Dienstag, 28. Juni 2011

Shakerdosen optimieren

Damit müssen Sie rechnen, wenn Sie einen auf Krücken laufenden, beschaffungslogistisch auf ein Rücksäckchen begrenzten Hobby-Buchbinder einladen: Es gibt selbst gemachtes oder, wie hier, selbst optimiertes.
Das sind fertig gekaufte Spanschachteln „nach Art der Shaker”, gebogen aus amerikanischem Kirschholz-Span und fixiert mit winzigen Kupfernägelchen. Ich habe sie innen kaschiert, um ihnen ein wenig Biedermeier-Flair zu verleihen, schließlich sind die Einladenden allesamt Damen, die kleinem, feinem Schnickschnack recht wohlgesonnen sind. Ich finde die Dosen jetzt ganz hübsch und bestens geeignet, ein Perlenkettchen o.ä. standesgemäß aufzunehmen.
Links: Sprenkelpapier nach der Natur; Modell Kibitzei. Rechts: Sprenkelpapier nach der Natur; Modell Wachtelei_1. Oben: Handgeschöpftes polnisches Büttenpapier, gefärbt mit Rote-Beete-Rhabarber-Dicksaft (kein Witz, bitte!). Die Sprenkelpapiere stammen aus der Buntpapier-Manufaktur von Tanja Karipidis  und können dort bestellt werden. Die ovalen Schablonen hat mir mein Sohn freundlicherweise auf seinem Schneidplotter hergestellt.

Montag, 20. Juni 2011

Mühsam bewegt sich der Igel …

Hanns Iglers Radieschen futternder Igel













Des Hobby-Buchbinders zugewachsener Arbeitsplatz 
plus Geh-, Sitz- und Greifhilfen.




Mit dem Foto meines ‚Arbeitsplatzes’ und diesem amüsanten Detail aus der von mir antiquarisch erworbenen und reparierten Buchschmuck-Mappe habe ich mich heute ins Buchbinderleben zurückgeschlichen. Dabei müssen noch für rund 10 Wochen die Krücken (aka Gehhilfen) immer griffbereit sein,  ebenso wie eine Greifhilfe und ein lange ignorierter „Stitz”, der mir mein rückenoperationsbedingtes Arbeitsleben vor dem Stehpult über viele Jahre erträglicher machte. Also: » Martin Gerlach: Das alte Buch und seine Ausstattung vom XV. bis zum XIX. Jahrhundert, Buchdruck, Buchschmuck und Einbände, mit einem Vorwort von Heinrich Röttinger, in: Die Quelle, Mappe XIII, 1. Auflage (ca. 1910); «  mit 1376 ein-/zweifarbigen Abbildungen auf 74 doppelseitigen Buch- und Lichtdrucktafeln (ca. (30,5 x 26 cm).
Von der Original-Halbleinenmappe war nur noch die Rückenpappe mit einem winzigen Stück Bändchen vorhanden. Die Blätter waren teils gedunkelt und im Schnitt etwas unsauber (Gebrauchsspuren). Ein kritischer Blick durch die wunderschönen Abbildungen sagte mir, dass alle Blätter im Buchdruck einwandfrei, alle im Lichtdruck gedruckten stark gedunkelt sind, vor allem in der Druckfläche. Liegt das nun am Papier oder am Druckverfahren? Sei's drum. Ich habe die dringend benötigte Sammelmappe aus 2,5 mm Buchbinderpappe rekonstruiert und mit einem Regentleinenrücken versehen. Die Mappe habe ich mit einem hausgemachten Kleisterpapierbezug kaschiert; die Blätter der Schönheit wegen allseitig um 1/2 mm eingekürzt.

Und so sieht das Schätzchen jetzt aus.


Ein weiteres Detail aus der Mappe