Mittwoch, 20. März 2013

Frontispiz, das

»Geneigter Leser, Du bist, so nehme ich an, erpicht darauf, zu erfahren, welche Komödiantenmaske, welcher Possenreißer hier so vorwitzig auf allgemeine Schaubühne und unter die Augen der Welt drängt, indem er sich eines anderen Mannes Namen aneignet; woher er kommt, weshalb er es tut, was er vorzubringen hat …«
Jetzt spinnt er total, haben Sie gedacht. Stimmts? Tu ich aber nicht, ich habe lediglich einen der (elenden) Skribenten zitiert, der wg. des für seine Zeit brisanten Buches, das er schrieb, im frühen 17. Jahrhundert unter Pseudonym (Democritus Junior) zu Oxford publizieren musste, weil ihn sonst die Obrigkeit malträtiert hätte. Die zitierten Worte stammen von Robert Burton, das weiss man heute, und lassen sich im Vorwort zu seinem famosen, heute vergnüglich zu lesenden „Die Anatomie der Melancholie” finden.
Und jetzt zur Überschrift, geneigter Leser. Dem Vorwort gegenüber finde ich ein zweites Frontispiz mit einem sehr schön übersetzten trivialen Gedicht, das gleich kommt. Vorher muss ich noch das rekapitulieren, was ich gestern 2 jungen, rein digital aufgewachsenen Damen erklärte, die sich im Buchgewerbe so gar nicht auskannten. Sie wiegten gedankenschwer ihre wohlfrisierten Köpfchen, da sie hinter dem Wort Frontispiz eine zweideutige Bedeutung witterten. Also hier noch mal zum nachgrübeln, meine Damen: Das Frontispiz ist meist eine Illustration, die sich auf der zweiten, dem Titelblatt (Seite 3) gegenüberliegenden Seite befindet und in älteren Büchern absolut Standard war. Das Frontispiz ist in der Regel auf die Rückseite des Schmutztitels (Seite 1) gedruckt. Heutzutage wird diese schöne Tradition nur noch selten genutzt, meist sind es querköpfige Buchgestalter, die sich da austoben dürfen. Früher waren es hauptsächlich Autorenportraits in schnieken Rahmen, die abgebildet wurden. (Quelle:  wikipedia, adaptiert und gekürzt). Und jetzt das versprochene Gedichtchen:

   Hier war ein kleines Plätzchen frei:
   Jetzt trägts des Autors Konterfei.
   Sein Geist entging dem Zeichenstift:
   Ihn triebs nicht (wies sonst üblich ist)
   Hierher – wenn Ihr es wissen müßt –
   Nur Eitelkeit und dummer Stolz:
   Der Drucker hat es so gewollt. 

Dazu sage ich nur: Das ist Weltverzweiflung mit Humor, oder?


Dienstag, 5. März 2013

Ein Buch mit was dran

Vor ein paar Jahren habe ich für meinen Lieblingsbuchhändler und -antiquar Werner Clemens dieses Buch fotografiert: „MIKADO fotografiert von Lucas Roth”, Herausgeber war Joachim Elzmann, verlegt wurde es von Andy Lim, Darling Publications, Köln.

„Mikado” erschien 2007 in limitierter Auflage von 500 Exemplaren, hatte 64 Seiten mit zahlreichen Fotos des für seine Architekturfotografie bekannten Kölner Fotografen Lucas Roth. Dieses leuchtend grüne Einbandmaterial, habe ich wg. seiner besonderen Haptik seither gesucht, doch nie gefunden. Das Buch hat einen blindgeprägten Titel. In der Blindprägung des Rückens war ein Mikado-Stäbchen aufgeklebt. Der Grund für diese aussergewöhnliche „Zugabe” ist in der Story des Buches zu finden. Es dokumentiert, wie Joachim Elzmann aus zehntausenden Mikadostäbchen unter tätiger Mithilfe einer Heißklebepistole wunderschöne fragile Gebilde baut, die auf Lucas Roths Fotos sehr beeindruckend wirken. Das Buch ist antiquarisch hier zu haben: http://tinyurl.com/adaf48b

Mittwoch, 27. Februar 2013

Stolz zu sein bedarf es wenig …

Die dekorierten Papiere meiner Buchbinde-Freundin Tanja Karipidis (Erlangen) lassen nicht nur  manches Buchbinder- bzw. Restauratorenherz höher schlagen, mittlerweile hat sie einige treue Sammler, die ihre Blätter nicht verarbeiten, sondern in Mappen aufbewahren. Das ist meine Sache nicht, weil das Aufhäufeln - auch schöner Papiere - nur die Schubladen im Papierschrank verstopft. Meine Sache ist, die mit großer Sorgfalt, viel Erfahrung und professioneller Qualität hergestellten Kleisterpapiere weiter zu verarbeiten.
Mit einigen traditionellen Kleisterpapier-Designs habe ich meine Probleme, sie sind oft in einer Formensprache gestaltet, die nicht die meine ist. Tanjas Konzept für Sprenkelpapiere, die streng der Natur und hauchzarten Vogeleierchen nachempfunden sind, hat mir von Anfang an imponiert. Die damit kaschierten Bücher, Schuber und Käschtle haben einen eigenen Charme - ohne piefig zu wirken. Weil ich meine Bucheinbände nur sehr selten öffentlich hergezeigt habe, bin ich wirklich stolz, dass Tanja zwei Exemplare auf ihrer schönen Kleisterpapier-Ausstellung in Erlangen ausstellt. (Bilder Tanja K.)

Mitte: Das Vorbild im kaschierten Kästchen. Rechts: Tanjas 
flexibler Pergament-Einband nach Roger Green. Links: Sprenkelpapier für Einband, Vorsatz und Schuber für das ‚Vogeleibuch’ mit den Referenzen für authentische Designs.

Hans Fürstenberg; Das Französische Buch 
im Achtzehnten Jahrhundert …
Originalausgabe Weimar 1929, Lieferung in losen Lagen, 
Fadenheftung, Sprenkelpapiere, Ziegen- u. Aalleder.




Donnerstag, 21. Februar 2013

Orangfarbene Register als Decke für Koperten

Als Jungpfadfinder hatte ich, wie jeder meiner Kumpels, einen lebensnahen Spitznamen, der mein wahres Selbst zum Horror meiner ordentlichen Damenschneider-Mutter realitätsnah widerspiegelte: „Sammeltasse”. Ja, ja! Mein dickster Freund, Heinz-Herbert R. wurde „Degga” gerufen; warum nur? Oder unser unwiderstehlicher Freund Rosenbaum fing sich unwiderruflich den Spitznamen „Zeisig” ein, weil er so schön falsch pfeifen konnte.
Sammeltasse also, denn ich konnte wirklich nix liegen lassen, was andere weggeworfen hatten. Ich  konnte alles gebrauchen. NZI, ich war kein Kleptomane, obwohl ich das Obst in den Gärten der grimmigen Opas in der Nachbarschaft schon mal dezimierte. Nein, ich besitze heute noch Relikte meiner kindlichen Sammelwut. Steine, Scherben, Schrauben, Nägel, Knöpfe, Treibhölzchen. Eines Tages fand ich, nachdem die anderen schon alle daran vorbeigelatscht waren, eine kleine frühgotische Steinrosette, die wohl ein Dieb auf der Flucht vor dem Küster der Kirche, in der wir unseren Schulgottesdienst zelebrierten, weggeworfen hatte. Der überaus fleischige Schulprälat, dem ich das Teil in die Hand drückte, hat mir so liebevoll väterlich meine gestutzten blonden Locken gestreichelt, dass ich meine im Hintergrund hemmungslos feixenden Kumpels, alle in Pfadfinderkluft, nur mühevoll davon abhalten konnte, mir einen neuen, unanständigen Spitznamen zu verpassen.
Sammeltasse zum Zweiten, also. Vor über 20 Jahren, als die ersten funktionstüchtigen PC bei meinem Arbeitgeber auftauchten, wanderten die bis dahin allseits genutzten Karteikästen in die Müllcontainer. Drei habe ich retten können. Die Karteikarten waren vollgestempelt, vielfach beschriftetet und mit Tippex verunstaltet, die mochte ich nicht retten. Die A6+ großen A-Z-Register-Karten im Querformat, hergestellt aus geölter, orangefarbener unkaputbarer Manilapappe, hatten es mir angetan. Sie überlebten, um von mir probehalber in eine Koperte umfunktioniert zu werden. Die Lagen innen habe ich aus einem Rest butterweichem Velin gefalzt. Sieht hübsch aus, lässt sich aber nicht so knackig heften. Ist wohl ein wenig überlagert.

Geölte Manilapappen sind selten geworden, jedoch vielfach zu verwenden.

Anyone some Zwischenpäppchen? A und Z sind schon weg.

Sonntag, 17. Februar 2013

Never stop learning, bookbinder!

Ach wie wohl ist dem, der dann und wann noch etwas Schönes lernen kann. (Ahem!) Vor allem, wenn er - so wie ich - sehr ungern nur aus Büchern lernt. Lerning by doing ist meine Sache, denn beim Zuschauen lerne ich am schnellsten. Ein paar mal zu Hause nachgebaut und das neue Buchbinde-Thema hat seinen Schrecken verloren. Diesmal interessierte mich der Kurs „Koptische Bindung” bei Roger Green in Wuppertal, der instruktiv und spaßig war - wie immer, wenn Roger in seinem Wuppertaler Gewerbequartier und ländlicher Ruhe am Wochenende einen Kurs gibt.
Zu den Koperten fällt mir spontan ein, dass die - und die berühmte 1-2-Lagen-Technik der Nag-Hamadi -Funde mit die ältesten Buchbindetechniken sind. Erforscht und dokumentiert sind erstaunlich gut erhaltene, leimfreie Bücher aus den ersten Jahrhunderten nach Chrsti Geburt. Es muss also was dran sein an der Näh-/Heftkunst der Äthiopischen Mönche, der Aramäer und vieler arabischer  Menschen rund um das Mittelmehr. 
Darüber hinaus wurde mir klar, dass ein Buch in koptischer Bindetechnik aussieht als ob seine Herstellung keine Mühe machen und das Heften recht einfach wäre. Beides täuscht. Äußerlich ist alles ganz einfach; in der Ausführung jedoch sind minimale Details von großer Bedeutung und wichtig für Schönheit und Funktionalität. 
Dann möchte ich noch anmerken, dass die historische Bindetechnik, und das beweist auch ein kurzer Besuch auf etsy und dawanda, der Phantasie von Amateuren und Profis bei der Wahl des Materials keine Grenzen setzt. 
Im Gegensatz zu einem Blogger, der bedauernd schrieb: Während […] christliche Mönche vorwiegend Gebetbücher mit dieser Bindung herstellten, wird heute […] nur noch von wenigen Handbuch- und Hobbybuchbindern angewendet, um Fotoalben, Notizbücher oder andere kunsthandwerkliche Bücher herzustellen.”  behaupte ich: Es werden immer mehr! Schau dir mal an, was im englischsprachigen Raum ‚abgeht’

12 Koperten, 6 Teilnehmer_innen, 2 halbe Tage Lernarbeit

Der Meister himself korrigiert unter dem kritischen Blick der Schülerin
die Heftung der berüchtigten „letzten Lage”.


Samstag, 2. Februar 2013

Ein ‚richtiges’ Buch aus einem Stapel Kopien …

… zu machen, soviel Luxus muss sein. Darauf bestehe ich. Schließlich hab ich gelernt wie das geht.  Es macht mir wenig Mühe, aus dem Stapel  Fotokopien eines legalen Downloads „Islamic Bindings & Bookmaking - Gulnar Bosch et.al” ein richtiges Buch zu machen. Das schöne Original, ein Ausstellungskatalog aus dem Jahr 1981 des Oriental Institute der Universität Chicago, ist unerreichbar, weil selten und entsprechend teuer (ca. 450 $).

Bosch, Carswell, Petherbridge - Islamic Bindings & Bookmaking - Chicago 1981

Nun haben die 235 Seiten eine weinrote Ausstattung einschl. festem Leinen-Einband, und auch sonst noch alles, was ein ordentliches Buch braucht, wenn es im Regal neben der (ebenfalls legalen) Kopie des noch berühmteren Szirmay zu stehen kommt.
Und ich komme meinem Ziel, nur noch Bücher über Bücher (und das Buchbinden) zu kaufen, immer näher. Vor allem, wenn ich lediglich einen Doppelseitenpreis von 0,02 € fürs kopieren zu berappen hatte.

Sonntag, 20. Januar 2013

Der abgestaubte Atlas

Schon korrekt die Überschrift, denn äußerlich war der olle Dirkes-Schulatlas ziemlich staubig. Freunde wollten ihn in die blaue Papiertonne werfen. Der Dirkes war ursprünglich mal in goldgeprägtes braunes Leinen gehüllt, die alte Pracht war dahin. Nach flottem Einsatz des Saugers und dem Entfernen des wasserrandigen, welligen Einbandes habe ich doch über die frischen Farben im offsetbedruckten Inneren gestaunt.
Doch wozu taugt ein über Jahre im Schulranzen herumgetragenes Buch aus den 70er Jahren überhaupt noch, ausser vielleicht zu Makulatur verarbeitet zu werden? Immerhin ist jede Seite gut 33 cm hoch. Wozu dienen noch die aus der politischen Mode gekommenen Karten in Zeiten von g****le maps?  
Geht doch: Versuch alte Dirkes-Karten weiterzuverwenden.

Hier mein erster Versuch mit dem Kartenmaterial als Laufrichtung-geprüfter Vor-/Nachsatz. Schaut doch ganz putzig aus, oder? Lediglich beim Einhängen, da muss man schnell sein, das Papier rollt sich rack-zack-sofort (!) ein, wenn BuBi nicht aufpasst. [Block 13 x15,5 cm, Abschnitt von elfenbeinfarbenem  Feinschreibpapier, gelumbeckt, 1,5 mm BuBi-Pappe, in ein Restchen von gelbem Regent eingeschlagen, Standard-Kapitelbändchen].
That's all. Hat Spass gemacht. :D