Donnerstag, 13. Dezember 2012

Das verschwundene „girdle book”

Das „Gürtelbuch/girdle book” als solches ist einerseits kunsthistorisch bestens dokumentiert und in vielfältiger Ausführung auf Abbildungen zu sehen. Andererseits ist es ein Buchbinde-Mythos. Denn Gürtelbücher braucht eigentlich niemand mehr, aber jeder Buchbinder hat gerne mal eines gemacht.
Und das Machen hat allen, die am book-arts-book-swap vor ein paar Jahren teilnahmen, eine Menge Spaß gebracht. Mir vor allem, nachdem ich von einem Freund einen ordentlichen Packen feines - nä, nicht Rehleder - sondern gut eingesessenes Sofaleder vom unbekannte Tier geschenkt bekam. Wir hatten damals unter Freunden diesen book swap organisiert und mein Exemplar ging für viel Geld und eine Wochen dauernde Fracht nach New Zealand zu Rachel. Und da, so hoffe ich, hängt es noch heute am Gürtel der Dame.
Als Pendant für mein nach mittelalterlichen Vorbildern (Szirmai!) geschaffenes Gürtelbuch bekam ich von meiner Buchbinde-Freundin Hilke aus Bonn ein beispielhaft kreatives Exemplar zugeschickt. Sie hatte den Buchblock aus Ikea-Drucksachen geheftet und die Deckenpappen in eine der dort käuflich zu erwerbenden unkaputtbaren Tragetaschen kaschiert. Den notwendigen Knoten, der dem baumelnden Büchlein Halt hinter dem Gürtel gibt, flocht sie aus einem der Taschentragebänder.


Mein girdle book = old fashioned

Hilkes girdle book = little bit of punk
Zwei Beispiele für erfolgreiches, kostenbewusstes Buchbinden unter dem Recycling-Stern :D

Donnerstag, 29. November 2012

Buchbinden : Historische Fotos online


Peter Verheyen, Buchbinder und Großkommunikator, verbindendes Element zwischen Old Handwerker Europe und den Vereinigten Buchbinderstaaten von Amerika, hat die neue, seit gestern freigeschaltete Deutsche Digitale Bibliothek (an-)getestet und unter dem Suchbegriff » buchbind*» feine Bilder gefunden. Das sind Dokumente einer schon versunkenen Welt, in der konzentrierte Menschen beste Qualitätswaren herstellten. 

Der Sprungrücken: Hörst du mein heimliches Knirschen?
Peters Lieblingsbild sei hier vorgestellt. Es zeigt einen Mythos der Buchbindekunst, den Sprungrücken. 
Dabei fiel mir mein neues deutsches Lieblingswort ins Auge: „Nachseherei”. Herrlich. Finde ich. Und woran erkannte man früher den unbestechlichen Qualitätskontrolleur? Jawoll, an den blitzeblank gewienerten Schuhen.

Mittwoch, 21. November 2012

Wirb oder stirb — Nützliches anempfohlen für Buchbinder und Anverwandte

Heute möchte ich das lobenswerte publizistische Engagement von ein paar Individualisten mit ein wenig Werbung für ihre Projekte unterstützen.
Erstens: Mit eigener guter Erfahrung möchte ich auf einen wichtigen Autoren aus dem Bereich des Buchbindens und der Restaurierung hinweisen. Der Mann ist ein erfahrener Buchbinder und ein begnadeter Systematiker.

Wörterbuch des Buchbinders, Buchrestaurators und -konservators 
http://rw-verlag.de/woerterbuch-des-buchbinders/  ]
Deutsch-Französisch Dictionaire de relieur, restaurateur et conservateur du livre … français-allemand
Claus Maywald-Pitellos, 2004
Wendeband: 64 + 62 Seiten, kartoniert, 20 cm x 14 cm
ISBN-10  3-931775-08-9
ISBN-13  978-3-931775-08-7

EUR 19,80 b / 18,50 n [D]

Schreibtinten [ http://rw-verlag.de/schreibtinten/ ]
Einführung und Übersicht
2., überarb. und erw. Ausg.
Claus Maywald, 2010
99 Seiten, kartoniert, 20 cm x 14 cm
ISBN 978-3-931775-15-5
EUR 16,80 b / 15,70 n [D]

Zweitens: Volle Deckung, Opa erzählt vom Krieg! Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in die Lage komme, jungen Menschen zu erzählen, wie „früher”, also vor dem PC, ein grafisches Atelier, ein freier Gestalter oder auch ein Reinzeichner gearbeitet hat. Ungläubiges Staunen allenthalben. Deshalb ist Ralf Zeigermanns Buch so wichtig. Ohne falsches Sentiment, ohne verklärenden Kitsch zeigt er eine versunkene Arbeitskultur in einem schönen großformatigen Bildband mit vielen interessanten Hintergrundinformationen.

Werkzeuge des Graphikers [ http://rw-verlag.de/werkzeuge-des-graphikers/ ]
[vor Einführung der Computer]
Ralf Zeigermann, 2012 [ http://zeigermann.com/Die_Werkzeuge_des_Graphikers/Das_Buch.html ]
188 Seiten, Fadenheftung, 28 cm x 25 cm
ISBN 978-3-931775-17-9
EUR 39,90 b / 37,29 n [D]

Wenn Sie mehr wissen wollen oder wenn Sie gleich beim Ein-Mann-Verlag bestellen wollen, hier bitte geht's lang:
Robert Wiegner [ post@rw-verlag.de ]
Grabenstraße 15
53639 Königswinter


Sonntag, 18. November 2012

Status : Recherchieren und Schreiben und gelegentlich Bücher reparieren

Ein zufälliger Blick auf das Datum meines letzten Posts sagt mir, dass die Zeitspanne zwischen da und jetzt viel zu lange ist. Der Grund dafür ist ein Auftrag, den ich angenommen habe, der nichts mit Buchbinden zu tun hat und aus meinem verflossenen Erwerbsleben auf mich übergekommen ist. Ich hätte „nein” sagen können, habe ich aber nicht, weil einerseits der Auftraggeber ein ausgesprochen positiver Mensch ist, dem ich nichts abschlagen kann. Und andererseits ist das Honorar für mich als Rentner auch nicht zu verachten. Also schreibe ich, undiszipliniert wie in alten Business-Zeiten, mal viel, mal weniger, aber eigentlich täglich.
Um handwerklich nicht ganz zu verblöden, repariere ich momentan für einen Freund zwei voluminöse Bücher aus den frühen 60er Jahren. Thema: Oldtimer. Mit Goldschnitt. Hui!
Wie habe ich diese beiden Schwarten schon verflucht. Das damals so gerne durch die Druckmaschine geschickte Offsetapier ist sauschwer und mächtig oberflächenbehandelt. Die Pappe in den Buchdecken ist Müll und stinkt jämmerlich, wenn sie angefeuchtet wird. Die buchbinderische Verarbeitung verdient nicht die Bezeichnung. Die kiloschweren Buchblöcke sind noch nicht einmal gelumbeckt worden, sondern lediglich mit einem Hauch von Schmelzkleber zusammengeklatscht. Keine Spur von einer Hülse, die das Öffnen und Schließen schwerer Bücher unterstützen sollte. Kein Wunder, dass die Bücher auseinander brechen. Buch 2 braucht darüber hinaus einen neuen Rücken.
Nun gut, ich habe die Blöcke sauber (wg. Goldschnitt) ausgerichtet, am Rücken eingesägt, ordentlich gelumbeckt, Fäden eingelegt und mit 3F-Gaze stabilisiert. Die Hülse aus Kraftpapier ist auch schon drauf. Das sollte für die nächsten Jahre halten und der Besitzer kann wieder genäschig darin blättern. Was der Mann, der ein begnadeter Mechaniker ist, gerne tut, denn computern mag er gar nicht.
Noch nicht ganz fertig: Der Rücken fehlt noch und die 3F-Gaze lässt sich nur ungern abbilden.
Was mich aber wirklich wurmt ist, dass ich meine neu erworbenen Kenntnisse vom Franzbandln aus dem Sommer (noch) nicht richtig vertiefen konnte. :D

Montag, 24. September 2012

Buchbinden : Ein Hammer ist immer dabei

My nice new «VIH»
Dies ist die kurze Geschichten meines neuen VIH (Very Importand Hammer).
Nach dem Kurs in Montefiascone, wo ich gelernt habe, mit einem Hammer bestimmte Buchbindeprobleme mit gezielten, kontrollierten Schlägen zu beheben, musste ich meinen alten, treudeutschen Schusterhammer in Rente schicken. Auch vor Monte hatte ich mit dem Ding nicht wirklich gerne Rücken geklopft.
In Monte habe ich dann die angelsächsischen „cobbler hammer”, im englischsprachigen Raum verbreiteten Schuster-/Lederbearbeitungs-Hämmer, kennen- und schätzen gelernt. Die sind wirklich besser geeignet, weil anders austariert. Darüber hinaus ist es völlig illusorisch, zu glauben, einen der raren alten „beating hammer”, also (Papier)-Schlag-Hämmer, irgendwo zu kaufen. Kurs-Leiter Jeff hat auch nicht verraten, wie es ihm gelungen ist, seinen 7-8 Pfund schweren „Buchbinder-Papier-Schläger-Motteck” zu ergattern.
Ich habe dann gegoogelt und einen nach dem anderen der aufgelisteten Anbieter angefragt. Übereinstimmende Antwort: Nicht lieferbar. Eine freundliche Anbieterin in Düsseldorf wusste auch keinen Rat, der letzte erreichbare Hersteller (in den USA, der mit den leuchtend blau lackierten Finnen) antwortete nicht auf eine Anfrage.
Nächste Station war dann ebay. 14 mal habe ich mitgeboten und wurde massiv überboten. Kann ein gebrauchter, teilweise sogar heftig rostiger, stielloser Hammer, auch ein spezialisierter Cobbler-Hammer, bis zu 50 $, einer brachte sogar 58 $, wert sein? Mag ja sein, ich zahle das nicht, denn es kommen ja noch die nicht unbedeutenden Versandkosten hinzu (USA= 20-30$). Also, finde ich, privat-betriebswirtschaftlich ist das nicht zu vertreten.
Dann war ich endlich erfolgreich. Versuch Nr. 15 war ein Treffer. Das Hämmerle von 475 g ist in einem gutem (vintage) Zustand; kleine Kratzer an und auf der Schlagfläche habe ich wegpoliert, der Stiel sitzt hammerfest, es kann losgehen. Für alles in allem 14,85 € lag er heute im Postkasten.

Sonntag, 16. September 2012

Von Büchern auf Papier


«Umbrüche haben eben auch ihr Gutes. Vom Buch auf Papier allerdings ist Unseld auch weiterhin überzeugt: „Es ist das ausgereifteste technische Produkt der Menschheit.“ Auch wenn er Manuskripte mittlerweile auf dem iPad liest.» Zitat aus dem FAZ-Artikel „Gedanken auf der Trainerbank” vom 15. 09. 2012; Autor Florian Balke. => Link zum Original-Artikel funktioniert nicht. 

Samstag, 15. September 2012

Buchbinden - wie in vor-revolutionären Zeiten


Diesen Kurs hatte ich mir schon lange gewünscht: „18th century French Binding Structures in Montefiascone”, von und mit Jeff Peachey. Alles in allem war und bin ich von meinem Sommerabenteuer total begeistert. Selbst als alter Hase konnte ich vieles lernen. Das lag nicht zuletzt an dem interessanten Thema und dem gestrengen Kursleiter, der aber keine Frage unbeantwortet ließ.
Buchbindetechnik in vorrevolutionären Zeiten bedeutete auch, vorbereitend die ‚einschlägige’ Literatur zu lesen, mich während des Kurses auf 12–13 individuelle englischen Sprachmelodien und -denkweisen einzustellen und, zurück in Köln, mir einen Hammer zu besorgen.
Jeff Peachey, hatte den Teilnehmern neben einer Liste für das mitzubringende Buchbindewerkzeug auch eine liebevoll zusammengestellte Literaturliste zugeschickt, die, logisch, englischsprachige Titel enthielt. Einiges besitze ich schon seit längerem im Original, bzw. in englischsprachigen Nachdrucken (Dudin etc.). Auch mein Diderot ist ein Nachdruck, der die wunderschönen Tafeln großformatig zeigt. Die Tafeln im englischen Dudin-Nachdruck sind dagegen grässlich, geradezu eine Zumutung. 
Weil mein Englisch ist nicht so gut ist, dass ich die vorgeschlagene (semi-)wissenschaftliche Literatur locker abarbeiten könnte, musste ich mich durch die einschlägigen deutschsprachigen Autoren und die deutschen Übersetzungen googeln. Ich wurde schnell fündig. Eine meiner amüsanten Lesefrüchte habe ich bereits :: hier :: gepostet. Darüber hinaus ist der eine oder andere Literaturhinweis nur mit großen Schwierigkeiten zu beschaffen oder nur teuer zu erwerben. 
Zum Kursgeschehen  bleibt mir zu sagen, dass ich mich richtig wohl gefühlt habe. Die Atmosphäre in dem alten Gemäuer am Rande dieser ehrwürdigen Stadt war einfach herrlich. Meine Mitstreiterinnen und -Mitstreiter waren alle durchwegs eine Generation jünger als ich. Was ich von Jeff und von ihnen gelernt habe, ist für meine weitere Arbeit interessant und wichtig. Fast alle waren sie gut ausgebildete Profis an der Schwelle ihrer beruflichen Karriere oder auf dem Sprung in die Welt der Restaurierung und des Buchbindens. 
Und jetzt zum Hammer, oder das, was ich dafür gehalten habe. Wie bereits erwähnt, ist Jeff ein gestrenger Lehrer, auch was das Werkzeug anlangt. Die Qualität seiner restauratorischen und buchbinderischen Arbeiten ist über jeden Zweifel erhaben, technisch und ästhetisch. Seine selbst entwickelten oder optimierten Werkzeuge, beispielsweise seine Lederschärfmesser, sind legendär. 
Im Kurs demonstrierte er, auch an Hand von historischen Büchern, wie und mit welchem Effekt Bücher mit dem Hammer zu bearbeiten sind: Die gefalzte einzelne Lage, der  zusammengetragene Stapel und, nicht zu vergessen, die Pappen für den Einband. 
Wer Diderot und Dudin und ihrem Protagonisten, Jeff Peachey, nicht recht Glauben schenken mag, dem zitiere ich den Herrn Dr. H. Leng nach seinem Lehrbuch der Gewerbskunde, erschienen 1834: „ … ein Buch, das 20 Minuten zum schlagen erfordert …”.
Zum Vergleich: Vor und nach dem Schlagen der Lagen http://tinyurl.com/995gtc9
Leider gibt es beim Nachempfinden der Schlagtechnik ein Problem, denn solche „beating hammer” gibt es nicht mehr, selbst in Museen sind sie rar. Also behilft sich der flexible Buchbinder mit einem Schusterhammer, so wie ich. Dieses Teil deutsch/französischer Herkunft wurde misstrauisch beäugt und wg. verschiedener Gebrechen verworfen. Der in Ehren gealterte englische Schusterhammer von 545 g, wie ihn mein Tischnachbar von der Oxford-Library benutzte, stand nun ganz oben auf meiner Wunschliste. Mit diesem Hammer ließe sich ganz wunderbar arbeiten.
Mir einen solchen zu beschaffen entpuppte sich als ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Wo immer ich angefragt habe, hieß es: Nicht lieferbar! Nachlieferung ungewiss. Eine Quelle in den USA könnte liefern, doch scheue ich die fast 30 $ Versandgebühr. Gestern Nacht war ich dann mit meinem 14. Versuch auf ebay endlich erfolgreich. Für  £14,72, einschl. Versand, gehört der Hammer jetzt mir. Und für das Schlagen im gröberen Umfang (mit großer runder, balligen Schlagfläche usw.) habe ich auch schon eine japanische Lösung in Aussicht. Nun denn: „Aufwärts zur vor-revolutionären Buchbindetechnik”!