Mittwoch, 4. Juli 2012

Also, liebe Leute, es ist so: Die französische Sprache, mit Ausnahme der Textschnipsel auf Speisen- u. Weinkarten mittelpreisiger Restaurants, ist mir ein Rätsel. Aber die Bilder in diesem mächtigen Katalogband sprechen ihre eigene Sprache. Künstlerbücher, Bücher von Künstlern, und, wie das Ende des letzten Absatzes zeigt, sind es nicht die unbekannten, die dort vereint wurden. Darüber hinaus genießt die Dame Moeglin-Delcroix in Kunstkreisen einen Ruf wie Donnerhall. Auf-auf, machen Sie es wie ich, killen Sie Ihr Sparschwein und legen mutig 65 € auf die Theke des Buchhändlers Ihres Vertrauens. Wenn ich soweit bin, werde ich berichten. Dauert aber noch ein wenig. Hier eine  Verlagsinformation im Wortlaut.

Esthétique du livre d'artiste
Une introduction à l'art contemporain
Anne Mœglin-Delcroix

Cet ouvrage rend compte de la naissance et du développement du livre d'artiste aux États-Unis et en Europe en relation étroite avec les avant-gardes des années soixante et soixante-dix : poésie concrète et visuelle, Fluxus, Art minimal, Art conceptuel,
Arte povera, Art narratif, Land Art, art de la performance ou du happening, notamment. Parce qu'il est inséparable de l'émergence de ces formes inédites de la création qui vont constituer l'art dit « contemporain », le livre d'artiste est une excellente introduction à la compréhension de ses principaux enjeux comme à la diversité de ses manifestations.
Chaque chapitre aborde ainsi le livre d'artiste à la lumière d'un mouvement ou d'une orientation caractéristiques de l'art contemporain dont il éclaire en retour l'originalité. En ressort le statut paradoxal du livre, medium traditionnel mis au service d'une conception radicalement nouvelle de l'art. Ainsi cette Esthétique du livre d'artiste invite-t-elle autant à découvrir le livre comme forme artistique spécifique qu'à réfléchir à la possibilité d'une autre façon de faire de l'art.
Ce livre constitue la synthèse la plus large à ce jour de la production internationale. Depuis sa première édition en 1997, il s'est imposé en France et à l'étranger comme l'étude de référence sur le sujet. Pour cette nouvelle édition, le texte, mis à jour et augmenté, s'est enrichi de nombreuses reproductions.
Plus de sept cents livres y sont analysés, par près de quatre cents artistes dont les pionniers Ben, Robert Barry, Christian Boltanski, Marcel Broodthaers, Herman de Vries, Robert Filliou, Ian Hamilton Finlay, Allan Kaprow, Sol LeWitt, Richard Long, Maurizio Nannucci, Dieter Roth, Edward Ruscha, Daniel Spoerri, Wolf Vostell, ou Lawrence Weiner.

Sonntag, 3. Juni 2012

Buchbinderwerkzeug hausgemacht

Zugegeben, meine Blog-Aktivität ist momentan äusserst dürftig. Das liegt daran, dass ich von einem alten Freund gebeten wurde, für ihn eine komplexe Recherche durchzuführen und einen umfangreichen Text dazu zu schreiben. Dieser soll bis Ende des Jahres fertiggestellt sein.
Zur Entspannung wird natürlich weiter buchgebunden.
Darüber hinaus bereite ich mich auf einen lang gehegten, schon einmal verschobenen Traum vor, an einer summerschool in Montefiascone teilzunehmen. Thema ist die Buchbinderei im vorrevolutionären Paris, also vor Einführung der Guilliotine. Die damalige Buchbinder-Technik im allgemeinen und die verwendeten Werkzeuge und Geräte im speziellen interessieren mich schon viele Jahre.
lks: Diderot, mitte: Jeff Peachey, re: Audra Loyal
Das Detail einer der Bildtafeln der Diderot'schen Encyclopädie, oben links, zeigt eine „laying press”, oder auf deutsch eine „Klotzpresse” (Was für ein klotziges Wort für eine so filigrane Presse.). Das besondere daran ist die asymetrischen Anordnung der „Bohrungen”, deren Zweck gleich im Stich mitgeliefert wurde. Allerdings brachte mich erst Jeff Peacheys technisch und ästhetisch einwandfreier Nachbau (oben Mitte) darauf, dass ich für ein Gerät dieser Art schon lange Bedarf habe.
Allerdings waren meine Nachforschungen zum Kauf ohne Erfolg. Eine Presse dieser Art findet sich nicht im globalen Buchbinderbedarf. Ich hätte unter den Stichworten „woodworker” oder „woodturner” in den USA oder in GB weitersuchen können. Mich schreckten halt die horrenden Übersee-Versandkosten im Erfolgsfall ab.
Alle (!) Anfragen bei deutschsprachigen Drechslern, großen wie kleinen, wurden negativ beschieden, man fürchtete grundsätzlich das „Risiko”. Ein alter Business-Spruch weissagt: „make oder buy”. Kaufen war nicht, es blieb nur die Alternative, die mir meine Buchbinde-Freunde Audra Loyal und Klaus von Mirbach voraus hatten. Mein Ehrgeiz war geweckt.
Die Beschaffung der Buchenholz-Kanteln (50 x 5 x 5 cm) kosteten mich ca. 20 €, die Eisenteile wurden nach Gewicht bezahlt (ca. 8 €) zuzüglich der nur schwer zu beschaffenden fetten Flügelmuttern (M 18 Gewinde) mit 3,50 € pro Stück. Bohrer, Sandpapier und Acyllack waren vorhanden, Zeit zählt bei mir nicht mehr wirklich … voila, hier ist meine Presse nach Diderot, nicht so schön, aber preiswert, nützlich und voll funktionstüchtig.

Vorbild Diderot in eigener Interprätation

Wenn ich dann bei passender Gelegenheit in einen Baumarkt komme, kaufe ich mir einen passenden „Topfbohrer” für 5 €, dann kann ich auch noch die aufliegenden Sechskantköpfe  versenken.

Samstag, 5. Mai 2012

Wellige Zeichnung glätten

Jörg Czischke 1972.
Farbzeichnung (preussischblau) Mischtechnik,
70x100 cm, signiert, datiert

Aufruf an meine Freunde: Diese Original-Farbzeichnung meines verstorbenen Freundes Jörg Czischke hat einen Makel - sie wellt sich. Ich möchte sie gerne „entfalten”, da sie als Rarität ordentlich fotografiert werden muss. Einer meiner Vorbesitzer hat leider getan, was vor 20 oder gar 30 Jahren (fast) jeder getan hat, der Zugriff auf die verdammte Gummilösung hatte. Er hat das Blatt (Schoeller Hammer Zeichenkarton 70 x 100 cm) mit dem Teufelszeug irgendwo vollflächig aufgebappt. Vorne ist das signierte Blatt makellos; hinten allerdings k***braun und fleckig. An einer winzigen Ecke habe ich mit Wattestäbchen und versch. Lösungsmitteln versucht, das Zeug zu entfernen. Rührt sich nichts, der alte Kleber ist wie versteinert.
Wegen der überaus delikaten (Misch-)Technik Czischkes, der mit hauchdünnen Schichten von feinsten Pigmenten und dem Abrieb von Künstlerkreiden und Wachskreiden gearbeitet hat, kann ich das Blatt nicht einfach in ein Bad stecken (lassen). Was also tun? Meine finanziellen Möglichkeiten sind halt begrenzt, so dass der Auftrag an einen Papierrestaurator entfallen muss.
Bleibt die Eigeninitiative.
a) Ich könnte mit BuBi-Kleister auf eine maßhaltige Platte Museumspappe aufkaschieren und unter Gewicht trocknen lassen. Frage ist nur, ob der hinterwärtige Rubbercement-Auftrag das ordentliche, glatte Abtrocknen nicht verhindert?
b) Eine, mittlerweile verpönte Technik, Grafik zu rahmen, könnte in diesem Fall ausnahmsweise angewendet werden. Man klebt die Arbeit allseitig mit säurefreiem, weissem Nassklebeband von hinten auf die sorgfältig gereinigte Frontglasscheibe. Der Klebefalz ragt höchstens 5 - 6 mm in die Rückseite hinein und zieht das Blatt beim Abtrocknen glatt.

Was meint Ihr dazu?

Montag, 9. April 2012

Louets Vertical Plough is in da house

Es ist eigentlich nicht meine Art, mit neu Gekauftem anzugeben. Diesmal mach ich mal die Ausnahme, es geht um eines der fundamentalen Hobby-BuBi-Probleme, den Beschnitt des Buchblocks. Ich hatte mich gelegentlich gefragt, warum von Hobby-BuchbinderInnen lange und qualvoll nach Druckereien oder Copyshops gesucht wird, die die mühsam gehefteten Buchblocks zuschneiden können.
Wollen tun das die wenigsten Profidrucker, diese Erfahrung macht man schnell, der Amateur mit seinem Büchlein stört halt den stressigen Arbeitsablauf in der Weiterverarbeitung. Eine weitere Erfahrung ist die, dass in kleinen Copyshops die Messer der Stapelschneider oft in erbärmlichen Zustand sind. Riefen auf dem Beschnitt sind dann die Folge. Oder die Messer sind abgearbeitet, will sagen nicht geschliffen. Der Beschnitt sieht dann entsprechend unästhetisch aus; schiefgedrückter Beschnitt ist auch nicht selten.
Mein alter Blockschneider im Keller, ein gusseisernes Gerät pharaonischen Ausmaßes von 1905,  schwächelte in letzter Zeit gar sehr, nötige Ersatzteile werden richtig teuer. Und ich bin nicht bereit, dieses Aufwand zu betreiben. Also habe ich nach einer Alternative gesucht und diese gefunden: Louet's Bescheidehobel ist eine solche und bestens für Amateure bzw. Einzelanfertiger geeignet. Die anderen Alternativen aus Frankreich, England und Griechenland (ja, ja!) hab ich mir online angeschaut und nach Erfahrungen bei den Freunden gefragt. Selbst aus den USA kamen nur gute Noten für Louet, auch von anerkannten Profis. Also, Entscheidung gefallen: Osterurlaub adé. Bescheidhobel gekauft.
Heute früh habe ich dann einen richtigen Klotz von Buchblock in Form gebracht: Hans Fürstenbergs 3,6 mm dickes, über 30 cm langes und 23 cm breites Buch, Titel: „Das französische Buch im achtzehnten Jahrhundert und in der Empirezeit”, rein wissenschaftlich aufgemacht (ohne Abbildungen) und edel gedruckt auf Zerkall-Bütten. Gekauft hatte ich mir die Rohbögen (54 Lagen á 8 Seiten) von 1929, zusammengehalten von einem schnellen Aktenstich und ein wenig Knochenleim. Sie kamen in einem einfachen Broschur-Einschlag und bettelten nach einem angemessenen festen Einband. Das Buch selbst war die Jahresgabe eines ehedem legendären Vereins von Buchsammlern und entsprechend edel typografiert. Nun stell ich mir halt in aller Demut vor, wie ein solch großformatiges Buch 1930 ausgesehen haben könnte, Ich möchte es im Stile der Zeit einbinden.
Zurück zum „Hobel”: Der funktioniert hervorragend, wenn man bestimmte, auch in der Bedienungsanleitung kurzgefasste Hinweise wirklich beherzigt. Das wichtigste ist, sage ich, bloß keine Hektik, es herrsche Ruhe und Gemütlichkeit, wenn sich das sichelförmige Messer Blatt-für-Blatt durch den Block frisst und eine ab-so-lut glatte Oberfläche hinterlässt. Da muss nicht mehr viel geschabt oder geschliffen werden, die Fläche kann sofort gefärbt oder gar bemalt werden.  Morgen (oder so) wird gerundet und der  Rücken stabilisiert, usw. usw. Ich werde berichten.


Heftung vorbereiten: „Fäden ziehen” 

Bescheidhobel in Aktion, Teil 3: Kopfschnitt


Donnerstag, 5. April 2012

Direkt vor meiner Nase …

… in Deutz-Mühlheim. „in der alten Gasfabrik”, werden - neben vielen anderen feinen Dingen - auch Buchbinderpressen, Klotzpressen, wie immer man die Dinger taufen möchte, gebaut. Einfach so. Einfach Klasse. Da muss ich hin.

http://www.flickr.com/photos/dingfabrik/sets/72157625765030863/with/5381684753/

Sonntag, 1. April 2012

Leseempfehlung: „Bücher riechen”

Einen Titel wie diesen kann sich nur ein wirklicher Bücherliebhaber ausdenken. Bücher riechen? Ja, wenn sie nicht gerade unsachgemäß in einem düsteren, feuchten Loch muffig geworden sind oder wenn sie nicht auf hochsäurehaltigen Holzschliff gedruckt wurden, ja, dann können Bücher recht heimelig riechen. Nur Mut, lesen Sie doch selbst. Es lohnt sich, der Berliner Antiquar Rainer Friedrich Meyer kann schreiben und vom Buchbinden versteht er auch eine Menge!

http://meyerbuch.wordpress.com/2012/01/27/bucher-riechen/

Mittwoch, 18. Januar 2012

Und was kommt im Neuen Jahr?

Kurz und knapp: Ich habe da ein paar alte Buchschätze, die darauf warten, individuell zu standfesten, lesefähigen Büchern gemacht zu werden. Beispielsweise:

a) Wilhelm Worringer: „Die altdeutsche Buchillustration” (1919, 2. Aufl., zahlreiche frühe s/w-Wiegendrucke, auch von noch früheren Blockbüchern). Der Text ist vor allem Kunsthistorikern bekannt. Alles im Buchdruck auf Maschinenbütten, beraufter Beschnitt, oben Reste von Färbung; Umschlag (bis auf das abzulösende Titelschildchen) unbrauchbar, großes Fehlteil hinten. Beide Scharniere größtenteils gebrochen. Der Rücken Lederimitat, nitrolackiertes, geprägtes Papier mit unlesbarer Titelprägung. Die Heftung ist für mich etwas neues, hab noch nie ein Buch ohne Fitzbünde gebunden. Da ich die vorhandenen Löcher nutze, muss ich mir noch das richtige Heftschema in der Literatur suchen. 3 Lagen sind im Falz ausgerissen, die sich aber gut reparieren lassen. Geheftet war das Buch mit doppelt gelegtem, sehr dünnem Faden. Von den Kapitalbändern fand ich nur noch winzige Reste, ebenso von der Hülse. Geklebt war alles mit Knochenleim über einer dünnen Kleisterschicht.

Gefunden in der dunklen Ecke eines Dresdner Antiquariats.
Wichtig war mir der Hinweis, es sei beschädigt und deshalb günstig zu haben. 

b) „Shakespeare Sonette in der Übersetzung von Karl Lachmann”, Berlin 1820.
Im Januar kann man in Bonn-Beuel, im sog. Brückenforum gut Geld loswerden, dort findet eine kleine, feine Antiquariatsmesse statt. Für BuBis gab es diesmal nicht viel zu holen, ausser völlig überteuerten, gut gebrauchten Exemplaren der bekannten Jahrbücher von Designer Bookbinders. Meinem Freund Werner [ http://www.buch-und-kunst.de/ ] habe ich dann ein merkwürdiges, kleinformatiges Büchlein abgekauft, eben diesen Shakespeare. Leider fehlt ihm fast die gesamte Titelei, aber sonst ist alles dran. Der Buchblock (oben beschnitten und rechts und unten  Originalränder vom handgeschöpften Bütten, leider sehr gedunkelt), macht aber generell einen soliden Eindruck. Eingebunden wurde der Block vor noch nicht allzu langer Zeit von einem typisch deutschen (Liebhaber-?)Buchbinder: Schöner, sorgfältig gemachter Halbledereinband, wenig schief nur, braun genarbtes Leder mit passendem Römerturm-Bütten bezogen, goldgeprägter Rückentitel und echte (!) handgestochene Kapitel. Der Pferdefuß: Als Ersatz für den fehlenden Titel nebst Frontispiz hat ein Vorbesitzer mit Füller und blauer Schultinte alles auf den vorderen Vorsatz geschrieben. Sieht nicht wirklich gut aus. Was würden Sie tun? Alles neu, alles lassen? Versuchen, vorderen Vorsatz zu lösen, zu erneuern, dann wieder einhängen? Vorher versuchen, eine Kopie der Original-Titelei suchen und vorkleben?




Ach und da wäre noch c), der Hans Fürstenberg: „Das französische Buch im 18. Jahrhundert und in der Empirezeit”. Dazu gestatte ich mir einen kurzen Tagtraum und stelle mir vor, wie sich einer der Mitglieder der erlesenen Bibliophilenrunde „Maximilian-Gesellschaft” beim Überreichen seiner Rohbögen in der Bibliothek des Autors (1929/1930) im Geiste ausgemalt hat, wie sein Buchbinder dieses großformatige Werk einbinden wird. Fürstenberg, 1890 in Berlin geboren, war Bankier, Schöngeist, Sammler u. profunder Kunsthistoriker, der vor den Nazis nach Paris emigrierte und später im Schloß Beaumesnil residierte. Ich glaube da sind auch Teile seiner legendären Buchsammlung zu bewundern.
Mein „Stück” ist nicht nummeriert.